Wettbewerb CineMasters

Enge Bande

Gegenüber der eigenen Familie kann sich niemand verstellen. Sie kennt unsere besten und dunkelsten Seiten. Für die einen bedeutet sie Halt, für die anderen Verzweiflung. So oder so ist sie beständiger Quell unserer Geschichten.

Das trifft natürlich auch fürs Kino und seine Regiemeister zu. Denn im Miteinander ergeben sich die Emotionen, aus denen Filme schöpfen. In THE PLACE OF NO WORDS von Mark Webber ist es die große Liebe zwischen Vater und Sohn, die sich nach einem schweren Schicksalsschlag zeigt. Nur durch den Zusammenhalt innerhalb der Familie lässt sich die Krankheit des Vaters verarbeiten.

Mit der Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater müssen sich dagegen die zwei Brüder in ENTRE DOS AGUAS von Isaki Lacuesta auseinandersetzen. Beide kehren in ihre Heimatstadt San Fernando zurück, nachdem Isra aus dem Gefängnis entlassen wurde und Cheítos Dienst bei der Marine endete. In dem von Arbeitslosigkeit geprägten spanischen Ort suchen sie gemeinsam nach einem Neuanfang. Ki-taeks Familie hat hingegen bereits einen möglichen Weg aus der Arbeitslosigkeit gefunden, als Sohn Ki-woo das Angebot erhält, als Nachhilfelehrer zu arbeiten. In PARASITE von Bong Joon Ho erschleicht er sich diesen Job, um dann Stück für Stück die anderen Familienmitglieder unterzubringen und die reiche Familie Park auszunehmen.

Auch in UNE FILLE FACILE von Rebecca Zlotowski weiß Sofia das Beste aus dem Leben zu machen: Ihre äußeren Vorzüge ausspielend, genießt sie die Aufmerksamkeit reicher Männer. An ihrem Erfolg möchte sie auch ihre Cousine Naïma teilhaben lassen. Doch die 16-Jährige beäugt die selbstbewusste Verführerin nicht nur mit bewundernden Augen.

Sehr viel unaufgeregter ist die Beziehung zwischen Amador und Benedicta. Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, kehrt er zurück in das kleine Dorf, in dem seine alte Mutter mit drei Kühen lebt. Ohne viele Worte zu verschwenden, nimmt sie ihren Sohn in O QUE ARDE von Oliver Laxe auf. Gemeinsam verbringen sie entschleunigte Tage in den galizischen Bergen. Bis ein Feuer ausbricht und die gesamte Region bedroht.

Was dagegen passiert, wenn es keine Empathie mehr gibt, zeigt BACURAU von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles. Darin reist Teresa zur Beerdigung ihrer Großmutter zurück in ihr altes Heimatdorf. Doch außerhalb dieses kleinen brasilianischen Mikrokosmos, in dem sich alle fürsorglich umeinander kümmern, macht sich eine Gruppe Männer daran, das Städtchen von der Landkarte zu streichen.

Ob man die Filme der Reihe CineMasters lieber mit oder ohne die eigene Familie erleben möchte, muss jeder für sich entscheiden. Doch verpassen sollte man diese keinesfalls.

Tatjana Michel

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