Wettbewerb CineCoPro

Out of the Past

Kooperation muss die Zukunft sein, weltpolitisch wie auch in der Filmbranche. Um internationale Zusammenarbeit weiter zu befördern und zur Unterstützung deutscher Koproduzent*innen, verleiht das FILMFEST MÜNCHEN in diesem Jahr erstmals den mit 100.000 Euro dotierten CineCoPro Award. In der neuen Programmsektion sind in diesem Jahr neun Filme vertreten, deutsche Koproduktionen mit Bangladesch, Brasilien, Dänemark, Frankreich, Irland, Italien, Rumänien, Ungarn und zahlreichen weiteren Ländern. Eine international besetzte dreiköpfige Jury entscheidet über den Gewinnerfilm.

“The past is never dead. It's not even past”, aphorisierte US-Schriftsteller William Faulkner einst – und viele Filme im neuen Wettbewerb CineCoPro scheinen ihm Recht zu geben. Die Flucht vor der Vergangenheit und den Folgen der eigenen Entscheidungen ist oft ein aussichtsloses Unterfangen. Bálint Kenyeres' GESTERN trägt diese Fixierung bereits im Titel. Auf der Suche nach einer verblassten Liebe irrt Victor durch ihm unbekannte Straßen und mystische Landschaften in Marokko. Das gleißende Sonnenlicht scheint dabei wie zum Hohn auf die irdischen Probleme herab, so nüchtern wie der Blick der Kamera. Beobachtend-distanziert bleibt das Aufnahmegerät auch in IT MUST BE HEAVEN. Der Film begleitet Elia Suleimans gewohnt stoisch-komisches Alter Ego bei dessen Versuch, das Schöne im Absurden und ein neues Zuhause außerhalb Palästinas zu finden. Doch egal wohin es ihn auch verschlägt, seine Vergangenheit und seine Heimat sind – mehr oder weniger abstrakt – immer präsent.

Manchmal sind die Fesseln der Vergangenheit aber auch ganz konkrete. Wer sich etwa mit dem organisierten Verbrechen einlässt, bindet sich meist für immer. Aussteigen zu wollen wird dadurch zum akuten Gesundheitsrisiko, wie zwei abtrünnige Mafiosi erfahren müssen. Das programmatisch betitelte Biopic DER VERRÄTER von Marco Bellocchio erzählt die wahre Geschichte des Berufsverbrechers Tommaso Buscetta, für den es kein Entrinnen vor dem früheren Leben gibt. Der einzige Ausweg für Buscette ist die Flucht nach vorne: Er wechselt die Fronten, stellt sich den Behörden und denunziert seine alten Weggefährten. In Corneliu Porumboius Neo-Noir LA GOMERA verschlägt es einen korrupten Polizisten auf die titelgebende Schatzinsel. Zur Tarnung und zu Zwecken der codierten Kommunikation muss der Antiheld die lokale Kunst des Pfeifens erlernen. Klingt schräg? Ist es auch!

Karim Aïnouz' A VIDA INVISÍVEL DE EURÍDICE GUSMÃO erzählt von einer Zeit, in der Frauen zur „Unsichtbarkeit“ erzogen wurden. Die Schwestern Euridice und Guida verfolgen im Rio de Janeiro der 1940er und 1950er Jahre zielstrebig ihre Träume, selbst wenn sie dafür unterschiedliche Wege einschlagen müssen. Um die Selbstermächtigung zwei junge Frauen dreht sich auch Elisa Mishtos Film: Vom STILLSTEHEN aber halten beide nichts und so verbindet sie eine außergewöhnliche Freundschaft.

Kindheit und Jugend sind Fixpunkte der (individuellen) Vergangenheit und Projektionsflächen für allerhand nostalgische Verklärung. DAS KINDERHEIM von Shahrbanoo Sadat etabliert die disziplinatorische Einrichtung in Kabul als gesellschaftlichen Mikrokosmos. Auch Mostofa Sarwar Farooki entwirft in seinem kammerspielartigen One-Take-Geiseldrama SATURDAY AFTERNOON eine Miniatur, die über den konkreten Einzelfall hinausweist und für Toleranz und Menschlichkeit plädiert.

Die bildgewaltige Dokumentation GAZA von Garry Keane und Andrew McConnell schließlich zeigt die Alltäglichkeit inmitten einer permanenten Ausnahmesituation. Trotz kriegsähnlicher Zustände gehen die Palästinenser*innen im Gazastreifen ihrem Alltag nach und versuchen, ein halbwegs normales Leben zu führen. Doch auch hier ist es die omnipräsente Vergangenheit, die ihren Schatten auf die Gegenwart wirft und der nur schwer zu entkommen ist. Oder vielleicht doch?

Die Hoffnung jedenfalls stirbt zuletzt.

Fabio Kühnemuth

Zu den Filmen dieser Reihe >>