Retrospektive | Bong Joon Ho

Mit Bong Joon Ho ehrt das FILMFEST MÜNCHEN nicht nur einen der renommiertesten Filmemacher des aktuellen Weltkinos, sondern auch den frisch gekürten Gewinner der Goldenen Palme in Cannes. Im Rahmen einer Retrospektive wird das Schaffen des 49-jährigen Südkoreaners aus beinahe 20 Jahren präsentiert.

Von seinem ersten Film an, der Tragikomödie HUNDE, DIE BELLEN, BEISSEN NICHT (2000), zeigte sich Bong als Meister der feinen Beobachtungen: Alltägliche Geschichten werden von absurden Momenten gebrochen, konsequent verweigert er sich festen Genregrenzen oder Erwartungen. So auch bei MEMORIES OF MURDER (2003), mit dem der Ausnahmeregisseur seinen internationalen Durchbruch schaffte. Der düstere Thriller über eine reale Mordserie in den 1980ern überrascht durch schwarzen Humor und ist zugleich ein nuanciertes Porträt Südkoreas während der Militärdiktatur.

Auch THE HOST (2006) ist weit mehr als ein gewöhnlicher Monsterfilm: Wenn ein durch giftige Abfälle mutiertes Riesen-Amphibium Jagd auf Menschen macht, dann mischen sich klassische Abenteuerelemente mit bissiger Gesellschaftssatire, Seitenhiebe auf das US-Militär inklusive. Bong traf damit einen Nerv, sein bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführter Genrezwitter brach in Südkorea alle Rekorde. Dass der Filmemacher sich auch auf intimere Geschichten abseits des Spektakels versteht, das bewies er mit seinen nächsten beiden Werken: In der Anthologie TOKYO! (2008) findet ein zurückgezogen lebender Mann eine neue (Liebes-)Hoffnung. Während das preisgekrönte Thrillerdrama MOTHER (2009) ebenso unterhaltsam wie erschreckend die Ausmaße einer bedingungslosen Liebe demonstriert.

Nun endgültig zum Star geworden, verband er bei seinen nächsten beiden Werken gewohnte Qualitäten mit neuem Hollywood-Glanz: Sowohl in dem auf einer Graphic Novel basierenden SNOWPIERCER (2013) über eine in Eis versunkene Zukunft wie auch bei der Netflix-Produktion OKJA (2017) standen Größen des Showbusiness Schlange – von Chris Evans über Tilda Swinton und John Hurt bis zu Jake Gyllenhaal und Paul Dano. Von gefälligem Einheitskino dennoch keine Spur: Beide Werke setzen sich kritisch mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Massentierhaltung, sozialer Spaltung und Auswüchsen des Kapitalismus auseinander, ohne dabei den Spaß am Grotesken zu verlieren.

Das gilt auch für das neueste Werk PARASITE (2019), mit dem Bong Joon Ho zurück zu seinen Wurzeln geht und doch etwas völlig Neues schafft. Wenn der Regisseur von zwei Familien erzählt, die unterschiedlicher nicht sein können, dann ist das gleichzeitig das Best of einer außergewöhnlichen Karriere und ein völlig überraschender Neuanfang. Die Mischung aus schwarzem Humor, großer Tragik und Thriller wurde bei seiner Premiere in Cannes gefeiert und ist im Rahmen des FILMFEST MÜNCHEN erstmals in Deutschland zu sehen.

Oliver Armknecht

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