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Welcome, Mrs. President

Maike Müller
Maike Müller

In ABSEITS DES LEBENS, ihrem ersten Langspielfilm als Regisseurin, setzt sich Robin Wright selbst in Szene und übernimmt die Hauptrolle. Beim FILMFEST MÜNCHEN feiert das Drama seine Deutschlandpremiere, zugleich wird die talentierte US-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin mit einem CineMerit Award ausgezeichnet.

Welcome, Mrs. President

Gegen sie hat kein Mann eine Chance. Sie ist gnadenlos, machthungrig und in der Politik, um zu bleiben: Claire Underwood. Sie steht hinter ihrem Ehemann Frank, stets mit einem (verbalen) Messer in der Hand. Es hätte kaum eine Schauspielerin geben können, die für diese Rolle in der Serie HOUSE OF CARDS perfekter gewesen wäre als Robin Wright. Die Texanerin war in ihren Filmen bereits mit der Mafia unterwegs und machte sogar die Bekanntschaft von Superheld:innen. Die männlich konnotierte Sphäre von Macht und Gewalt ist ihr schauspielerisches Spezialgebiet. Oft standen ihre Figuren darin an der Seite „starker“ Männer, nie befanden sie sich in deren Schatten.

An ihrem Mitwirken bei HOUSE OF CARDS hatte Wright genau deshalb zunächst Zweifel. In einem Interview erzählt sie, sie wollte keine Frau spielen, die nur das Accessoire an der Seite eines erfolgreichen Mannes sei. David Fincher, Produzent der Serie, habe ihr damals versprochen, dass sie das nur in der ersten Staffel sein würde. Doch Robin Wright beließ es nicht dabei und verkörperte schon früher so viel mehr. Von Beginn an spielt sie Claire als unabhängige Frau, die taktisch manövriert und ihrer Umgebung, vor allem wenn sie ganz still wird und ihre Augen blitzen, richtig gefährlich werden kann. Für ihre Rolle in HOUSE OF CARDS gewann Wright unter anderem einen Golden Globe.

Die Dynamik zwischen Claire und Frank (Kevin Spacey) ist, gerade weil Robin Wright nicht, wie man im Englischen so schön sagt, „Arm Candy“ ist, die treibende Kraft der Serie. Sie passen perfekt zusammen: eiskalt und unabhängig. Mit Schrecken und Faszination wartet man darauf, dass der Interessenskonflikt kommt, die Beziehung implodiert. In der letzten Staffel steht Robin Wright dann allein vor der Kamera, spricht nun statt Spacey, der aufgrund von Vorwürfen wegen sexueller Belästigung die Serie verlassen musste, direkt mit dem Publikum. Die vierte Wand wird nun nicht mehr von Frank durchbrochen, wie in den Staffeln zuvor, sondern von Claire, der ersten Präsidentin der USA.

Zwischen Superhelden und Mafiosi

Aber auch schon vor ihrem Aufstieg zur Präsidentin, verkörperte Robin Wright nie das leise Mäuschen, sondern besitzt auch in Nebenrollen eine starke Präsenz, die ohne Probleme neben den „harten Männern“ bestehen, ihnen gar entgegentreten kann. Hervorragend manövriert sie sich, die einmal ganz romantisch als BRAUT DES PRINZEN (1987) beim Film begann, mit ihrem markanten Gesicht durch düstere, kaputte, männlich konnotierte Welten. Im Genre-Kino scheint Wright zu Hause.

Im Mafia-Drama IM VORHOF DER HÖLLE (1990) spielte sie die wunderschöne und eigensinnige Jugendliebe von Terry (Sean Penn), in M. Night Shyamalans düsterem Superhelden-Film UNBREAKABLE – UNZERBRECHLICH (2000), für den mit SPLIT (2016) und GLASS (2019) noch ein ganzes Comic-Universum nachgeliefert wurde, übernahm sie die Rolle der unzufriedenen Ehefrau des frisch entdeckten Superhelden David (Bruce Willis); und auch im Neo-Noir DAS VERSPRECHEN (2001), bei dem ihr damaliger Mann Sean Penn Regie führte, setzt sie sich als Kellnerin Lori ganz nebenbei zur Wehr gegen Männer, die sie auszunutzen versuchen.

 

So gar nicht zuckersüß

Dabei hat für Robin Wright alles so zahm angefangen – mit einer deutlich braveren Serie. Bereits mit 14 Jahren begann sie zu modeln, nach der High School folgten erste kleinere Rollen, dann eine größere in der Seifenoper CALIFORNIA CLAN über das glamouröse Leben zweier wohlhabender Familien in den USA. Zwischendurch drehte Wright aber auch einen Film, weshalb ihre Figur Kelly wurde kurzerhand für tot erklärt. Die Serienmacher:innen erwarteten Wright bei ihrer Rückkehr mit einer mysteriösen Auferstehung ihrer Figur und noch zwei weiteren Jahren bei der Serie. Wright nannte die intensive, schnelllebige und durchaus verrückte Fernsehwelt einmal das „perfekte Training“ – wo auch sonst könnte man von den Toten auferstehen?

DIE BRAUT DES PRINZEN (1987) ist schuld am Ab- und Wiederbeleben der Kelly Capwell. In dem US-Kult-Hit übernahm Wright ihre erste große Filmrolle: die der schönen Buttercup, die entführt wird und von ihrem Liebsten gerettet werden muss, sich aber durchaus selbst zu helfen weiß. Die Mischung aus Märchen und Mantel-und-Degen-Film und der einzigartige, fast schon trashige Humor ließen den Film in den USA zu einem Klassiker werden. Vor allem die Darstellung von „wahrer Liebe“ war es, die sie an diesem Film begeisterte, sagte Robin Wright später, schließlich träume jeder davon.

In FORREST GUMP (1994) wird die „wahre Liebe“ nicht erfüllt – zumindest nicht die romantische. Wright verkörpert darin Jenny, in die Forrest (Tom Hanks) sehr verliebt ist. Aber sie eben nicht in ihn, außerdem hat sie so viele andere Probleme. Wie ein Engel, oft in weiß gekleidet und in viel Blumenmuster, schwebt sie immer wieder in das Leben Forrests, der sie aber doch nicht fassen kann. Schön, clever und oft irgendwie unerreichbar, das beschreibt viele Rollen Wrights. Mit Stolz im Gesicht und starkem Ausdruck überstrahlt Wright die Männer, egal ob „harte Kerle“ oder verliebte Helden.

 

Schön, clever und oft irgendwie unerreichbar, das beschreibt viele Rollen Wrights. Mit Stolz im Gesicht und starkem Ausdruck überstrahlt Wright die Männer, egal ob „harte Kerle“ oder verliebte Helden.

Auch in Science-Fiction und Fantasy findet Wright ihren Platz. In WONDER WOMAN (2017) spielt sie die Amazonen-Kriegerin Antiope. Ihr Körper, in diesem Film in Rüstung gehüllt, strahlt diese fast schon unheimliche Willenskraft aus, die sie ihren Rollen stets mitgibt. Auch die Uniform der Zukunft steht Wright gut: In BLADE RUNNER 2049 (2017) ist sie die eiskalte, korrekte Lieutenant Joshi, genannt „Madam“, die K den Auftrag gibt, das Kind eines Replikanten zu finden. Schon vor „Marvel“ und Denis Villeneuve, hat Regisseur Robert Zemeckis Wright für eine solch körperliche Rolle eingesetzt. Mit dem Motion-Capture-Verfahren drehte er 2007 DIE LEGENDE VON BEOWOLF und machte Wright zu Königin Wealthow. Ein wenig seltsam sah das aus, man hätte sich in vielen Momenten Robin Wrights eigene, ausdrucksstarke Augen in die Szenen gewünscht. Denn in der Animation verpasst man ihr gefährliches, stilles Starren, das sie in HOUSE OF CARDS so perfekt einsetzt.

2014, genau 20 Jahre nach FORREST GUMP, wollte Robin Wright auch selbst inszenieren: Bei HOUSE OF CARDS führte sie über die Staffeln verteilt bei zehn Folgen Regie – unter anderem bei der letzten, dem großen Serienfinale 2018. 2017 drehte sie zudem den Kurzfilm THE DARK OF NIGHT. Anknüpfend an ihre eigene Erfahrung mit Neo-Noirs und Gangster-Filmen, spielt der Schwarz-Weiß-Film mit Gewalt. Leslie Bibb besucht als Femme Fatale ein US-Diner, das einem zerstrittenen Ehepaar gehört. Verhandelt wird, mit wem sie unter einem Hut steckt, doch am Ende wird klar: Nur sie hat den Hut auf. Mit einer in die Kamera gerichteten Pistole und einem Augenzwinkern scheint es schon fast, als nehme Robin Wright als Regisseurin Abschied von ihrer Schauspiel-Vergangenheit. Wie passend, dass ABSEITS DES LEBENS so ganz anders ist als die Filme, in denen sie bislang mitspielte.

Selbstermächtigung

und der eigene Blick

Phoebe Waller-Bridge, Autorin und Regisseurin des Theaterstücks FLEABAG, das auch als Serie verfilmt wurde, sagte einmal, sie habe keine passenden Figuren für Frauen im Theaterbetrieb gefunden, also habe sie sich eben selbst eine geschrieben. Sie ist nicht die einzige, die sich ihre Rolle auf den Leib schneiderte: Natalie Portman schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielte selbst in EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS (2015), andere produzierten Filme und Serien, in denen sie mitspielten, wie zum Beispiel Kate Winslet die Serie MARE OF EASTTOWN oder Reese Witherspoon DER GROSSE TRIP - WILD (2014) und die Serie BIG LITTLE LIES. Es wirkt wie eine Selbstermächtigung der Frauen, deren Körper und Kreativität nur ihnen gehören.

Nun sitzt auch Robin Wright mitten im Grünen. Die braunen Haare sind locker in einem Dutt zusammengeknüllt, ihr Gesicht ausgezehrt, knochig, ungeschminkt. In ihrem Langfilmregie-Debüt ABSEITS DES LEBENS, das beim FILMFEST MÜNCHEN Deutschlandpremiere feiert, hackt sie Holz, zerlegt Kaninchen, legt Fallen für die Tiere, die sich in diesen rauen Bergen tummeln. So sieht man Robin Wright selten. Die diesjährige CineMerit-Preisträgerin inszeniert sich ganz anders, als die Zuschauer:innen sie bisher sahen.

Die Protagonistin Edee, gespielt von Robin Wright, möchte die Vergangenheit verdrängen, vergessen, verarbeiten. Wo könnte sie das besser, als in der Einsamkeit der mächtigen Rocky Mountains? Wie Reese Witherspoon in WILD schlägt sie sich durch die Natur, Blessuren und unermüdlicher Wille inbegriffen. Ein holpriger Weg zu sich selbst und zu einer Zukunft, die das Leben wieder erträglich machen soll. Ungeschönt schlägt sich Edee durch. Wortkarg und verschüchtert findet sie nur in ihrem Weggefährten Miguel einen Gleichgesinnten, der eine ähnliche Traurigkeit wie sie in sich trägt. Ebenfalls eine Seltenheit in Wrights bisherigen Filmen: ein Mann an ihrer Seite, nicht umgekehrt, der sie bei ihrem Leben in der Wildnis unterstützt. Machtverhältnisse umgedreht. Wir schreiben eben doch das Jahr 2021.

 

Die CineMerit Gala für Robin Wright findet am 2. Juli im Gasteig statt.

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