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Home(less)

Fabio Kühnemuth
Fabio Kühnemuth

Was bedeutet eigentlich "Zuhause"? Acht Filme im Programm des FILMFEST MÜNCHEN gehen dieser Frage nach.

Home(less)

Wir alle haben im vergangenen Jahr wohl mehr Zeit zuhause verbracht, als uns lieb war. Und vielleicht haben dabei einige auch darüber nachgedacht, was „Zuhause“ für sie eigentlich bedeutet. Ist es einfach nur der Ort, an dem man gerade wohnt, oder steckt nicht doch mehr dahinter? Welche Rolle spielen andere Menschen für das Gefühl, zuhause zu sein? Und was ist mit denjenigen, die sich den Ort, an dem sie leben, gar nicht selbst aussuchen können oder gar in die Obdachlosigkeit gedrängt werden?

 

Rückkehr

 

Nach Hause zieht es in Franka Potentes Regiedebut HOME Marvin nach Ablauf seiner langen Haftstrafe. Er möchte ein neues Leben beginnen und die Dämonen der Vergangenheit endlich hinter sich lassen. Doch an jeder Straßenecke seiner kalifornischen Heimatstadt lauern schmerzhafte Erinnerungen und auch die von der Vergangenheit gezeichneten Menschen vor Ort lassen einen unbeschwerten Neubeginn nicht zu. Marvin muss sich seiner Geschichte – und damit seiner Herkunft – stellen, um seinen Frieden finden zu können.

Von einer Rückkehr in die alte Heimat erzählt auch das sehr persönliche, semi-autobiografische Filmportrait RESIDUE von Merawi Gerima. Ein afroamerikanischer Filmemacher kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt Washington, D.C. zurück, um an einem Drehbuch über seine alte Nachbarschaft zu schreiben, die inzwischen von Gentrifizierung und strukturellem Rassismus gegen die Schwarze Community gezeichnet ist. Was macht es mit der individuellen und kollektiven Identität von Menschen, wenn ihre Nachbarschaft langsam, aber sicher zerstört wird? Und kann ein Film diesem Verlust etwas Wirksames entgegensetzen?

 

Residue Online 04

RESIDUE

Home Online 03

HOME

Ivie Wie Ivie Online 01

IVIE WIE IVIE

 

Identität

 

Herkunft und Rassismus sind auch Themen, mit denen sich Schwarze Menschen hierzulande auseinandersetzen müssen, ob sie wollen oder nicht. Davon erzählt der Film IVIE WIE IVIE von Regisseurin Sarah Blaßkiewitz. Die afrodeutsche Ivie wird darin überraschend von ihrer Halbschwester Naomi mit dem Tod des gemeinsamen Vaters und dessen anstehender Beerdigung im Senegal konfrontiert. Während sich die ungleichen Geschwister langsam näherkommen, stellt Ivie auch ihre Kultur und ihr Selbstbild infrage.

In Joe Odagiris bildgewaltigem Film THEY SAY NOTHING STAYS THE SAME führt der alte japanische Fährmann Toichi indes ein idyllisches, wenn auch asketisches Dasein im Einklang mit der Natur. Der stoische Protagonist und der Ort, an dem er lebt, sind gewissermaßen eins. Doch die augenscheinliche Harmonie wird durch den Bau einer Brücke, die seine Fähre überflüssig zu machen droht, gefährdet. Wie also der Veränderung und dem „Fortschritt“ der Moderne begegnen? Soll Toichi wirklich nochmal andernorts neu beginnen? Oder ist er dafür viel zu tief verwurzelt?

Flüchten und Ankommen

 

Während die einen freiwillig in ihre Heimat zurück- oder aber ihr bewusst den Rücken kehren, werden andere gewaltsam vertrieben und gezwungen, anderswo Zuflucht zu suchen. So etwa Nikki und ihre fünfjährige Tochter Little, die gemeinsam mit anderen Außenseiter:innen in den verlassenen Subway-Tunneln unter den Straßen New Yorks leben. Zusammen bilden sie dort eine prekäre, aber von Solidarität geprägte Parallelgesellschaft. Doch als ihre Bleibe eines Nachts geräumt wird, sind Mutter und Tochter gezwungen, an die Oberfläche zu fliehen. Von der dramatischen Odyssee der beiden erzählt TOPSIDE, dessen einfühlsame, ja beinahe fürsorgliche Inszenierung den Figuren Würde und Geborgenheit spendet.

Einen humoristisch-melancholischen Blick auf unsere Zeit wirft indes der britische Filmemacher Ben Sharrock in seinem Regiedebüt LIMBO. Der Film erzählt in großartig-witzigen Momentaufnahmen die Geschichte vier Asylsuchender, die auf einer fiktiven schottischen Insel auf die Bearbeitung ihres Asylverfahrens warten. Mithilfe von wunderbar inszenierten Tableaus wird das Thema des Sich-Zurechtfindens in einer neuen Heimat surreal und humorvoll verhandelt.

Gefangenschaft

 

Festsitzen wie im Limbus, das ist auch das Thema von Iuli Gerbases A NUVEM ROSA. Darin hindert eine tödliche, rosarote Wolke die Menschen daran, ihre vier Wände zu verlassen. Nun ist Giovana mit ihrem One-Night-Stand Yago in ihrer bourgeoisen Dachwohnung eingeschlossen. Während Yago sich um eine positive Sichtweise bemüht, fühlt Giovana sich einfach nur gefangen. Mit dieser feministischen filmischen Versuchsanordnung erzählt die junge Regisseurin davon, wie eine Frau von gesellschaftlich festgezurrten Rollenbildern eingezwängt wird.A NUVEM ROSA ist ein Lockdown-Film „avant la lettre“, den die Realität während der Postproduktion plötzlich überholte.

Und auch im Thriller LA LLORONA hat das Eingeschlossensein im (wohlsituierten) Heim gesellschaftliche und politische Implikationen. Vor der Villa eines alten Generals demonstriert eine Menge lautstark rund um die Uhr, im Haus liegen die Nerven angesichts der Gefängnissituation und mysteriöser Vorkommnisse allmählich blank.

Fragen nach Zuhause, Zugehörigkeit, Obdachlosigkeit, transitorischen Orten, Nachbar- und Gemeinschaften ziehen sich also in verschiedensten Facetten quer durch die Sektionen des diesjährigen Filmfest-Programms. Sie werden von den Filmen mal sehr subtil und mal ganz offensiv verhandelt – und in einigen Fällen scheinen die Erzählungen sogar beinahe prophetischen Charakter zu haben.

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