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Die Vergangenheit und andere Katastrophen

Fabio Kühnemuth
Fabio Kühnemuth

Die Filme aus Lateinamerika im diesjährigen Filmfest-Programm verhandeln einerseits die (politische) Geschichte des jeweiligen Herkunftslandes und andererseits metaphorisch aufgeladen und teils surreal den Alltag der jungen Generation von heute.

Die Vergangenheit und andere Katastrophen

Jayro Bustamantes Horror-Thriller LA LLORONA aus Guatemala zeigt auf beklemmende Weise, wie die eigene, aber auch eine kollektive Vergangenheit Menschen verfolgen und sogar gefangen halten kann. Nicht nur metaphorisch, sondern ganz buchstäblich gefangen ist ein alternder General hier mit seiner Familie. Der Patriarch wurde zwar vom Vorwurf der Kriegsverbrechen freigesprochen, doch nun belagert eine wütende Menge sein Haus. Die Nerven liegen bei allen Beteiligten blank und die mysteriösen Vorkommnisse häufen sich. Vor dem Hintergrund des Folklore-Mythos von „La Llorona“ und mit Blick auf die reale Militärdiktatur erzählt der Film eine packende Rachegeschichte.

Auch in einem weiteren CineMasters-Wettbewerbsfilm aus Lateinamerika wird die politische Geschichte eines Landes, das von den Geschehnissen während der Militärdiktatur gezeichnet ist, thematisiert – in diesem Fall Uruguay. Die Tragikomödie ASÍ HABLÓ EL CAMBISTA von Federico Veiroj basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt mit einer gehörigen Portion Humor die Geschichte des Kriminellen Humberto Brause, der im Montevideo der 1970er Jahre mit Geldwäsche und Devisenhandel das große Geld machen will. Auch hier sind die Wunden der Vergangenheit immer noch tief.

 

Asi Hablo El Cambista Online 04

ASÍ HABLÓ EL CAMBISTA

Llorana Online 03

LA LLORONA

 

Nicht historisch, sondern schon beinahe erschreckend prophetisch ist indes die Geschichte, die Iuli Gerbases A NUVEM ROSA erzählt: Über den Dächern der Stadt taucht früh morgens eine pinke Wolke auf. Wer seine vier Wände verlässt, verliert draußen innerhalb von Sekunden sein Leben. Die Weltbevölkerung sitzt drinnen, wie im Knast, wobei Giovana schon im Gefängnis der Erwartungen sitzt: Sollte eine Frau nicht unbedingt einen Partner finden, mit ihm Kinder kriegen und dann sowieso daheimbleiben? Während des Lockdowns, den Giovana gemeinsam mit ihrem One-Night-Stand Yago in ihrer Wohnung verbringen muss, rückt dieses Szenario immer näher. Aber vielleicht gelingt ihr ja doch der Ausbruch? Iuli Gerbase begann die Arbeit an dem Drehbuch zu diesem Film bereits 2017, sah also die reale Pandemie auf unheimliche Weise voraus.

Den Lebensumständen von Millennials nähert sich auch der Film EL PERRO QUE NO CALLA parabelhaft an. In ihrer stoischen wie surrealen Komödie erzählt die argentinische Regisseurin Ana Katz mit trockenem Humor vom etwas ziel- und orientierungslosen Sebastián. Dieser wohnt mit seinem titelgebenden Hund, der einfach nicht die Klappe halten will, in Buenos Aires und hat die typischen Probleme eines Thirtysomethings. Doch auch hier liegt eine Katastrophe in der Luft, die die ganze Menschheit bedroht.

 

El Perro Online 05 (1)

EL PERRO QUE NO CALLA

Pink Cloud Online 05

A NUVEM ROSA

 

Für Kurzentschlossene gibt es heute noch die Möglichkeit, Iuli Gerbase und Federico Verroj im Rahmen eines „Filmmakers Live!“ persönlich Fragen zu stellen. Gemeinsam mit Merawi Gerima und Karen Cinnore sprechen sie um 15 Uhr im Amerikahaus mit Programmerin Julia Weigl und Programmer Florian Borchmeyer über ihre Filme, die beim FILMFEST MÜNCHEN Deutschlandpremiere feiern.

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