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Ich ist jemand anderes

Michael Stadler
Michael Stadler

Am heutigen Mittwochabend hat Dominik Grafs neuer Fernsehfilm GESICHT DER ERINNERUNG Premiere im Gloria Palast: ein kunstvolles Vexierspiel zwischen verschiedenen Zeitebenen, in dem die Frage nach der wahren Identität zu überraschenden Antworten führt. Zudem wird heute erstmals PERFORMER von Oliver Grüttner gezeigt, in dem ein Junge mit dem Gedanken spielt, ein Amokläufer zu werden – aber möchte er das wirklich sein? Und wer ist eigentlich Rose in LA PLACE D’UNE AUTRE?

Ich ist jemand anderes

Der Kamerablick richtet sich in dem neuen Film von Dominik Graf gleich am Anfang auf eine zerklüftete Landschaft. Eine Schlucht tut sich auf und es wird um Abgründe gehen, deren genaue Gestalt man auf den ersten Blick nicht zu erkennen vermag. Ein Kaleidoskop an Szenen folgt, man kann sich als Zusehende*r kaum orientieren, da sich Gegenwart und Vergangenheit in einer rasanten Montage voller Impressionen vermischen. „Und du, wo bist du?“ fragt ein junger Mann auf der Tonspur.

Die von Verena Altenberger gespielte Christina arbeitet in Salzburg als Physiotherapeutin. Die Bewegungen ihrer Hände sind klar und sicher, ansonsten fühlt sie sich instabil, hat Probleme, sich selbst zu verorten. Christina ist verloren zwischen der Wahrnehmung dessen, was gerade passiert, und den Erinnerungen, die auf sie einprasseln. Sie sucht professionelle Hilfe, geht in Therapie, wo sie von den Visionen in ihrem Kopf erzählt, dem Gefühl, dass sie Gedanken denkt, die gar nicht ihre eigenen sind. „Manchmal habe ich sogar Angst, dass ich ein anderes Gesicht im Spiegel sehe“, sagt sie. Christina befürchtet durchzudrehen, findet aber keinen Ausweg aus dem Netz, das sie sich selbst spinnt.

Eine kleine Spinne gehört zu den wiederkehrenden Motiven in GESICHT DER ERINNERUNG, sie könnte gar das Zentrum von Grafs Film sein. „Am Anfang war nicht das Wort und auch nicht Gott, sondern die Spinne“, heißt es einmal mit Rückgriff auf die Spinnen-Mythologie. Das erzählerische Gespinst, in das Graf seine Hauptfigur Christina einwickelt, dröselt sich nur allmählich auf. Es wird klar, dass sie einer alten Liebe nachhängt: Mit dem wesentlich älteren Jakob fing Christina ein Verhältnis an, als sie selbst erst 16 Jahre alt war. Bei einem Unfall kam er ums Leben; ein Tod, den sie nie richtig verwunden hat.

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Zwanzig Jahre später lernt Christina Patrick kennen. Die Verhältnisse sind nun umgekehrt, Patrick ist wesentlich jünger als sie. In seiner Wesensart erinnert er sie stark an Jakob – ist das Leben etwa nur eine Aneinanderreihung von Wiederholungen? Ein Verhältnis entwickelt sich zwischen beiden, die Spinne spinnt weiter ihr Netz. Identität ist ein verwickeltes Ding in den Filmen von Dominik Graf. Mit dem Krimigenre hat er sich immer wieder stark beschäftigt, mit einem Genre also, in dem die Suche nach der Identität des Täters zu den Erzählstrategien gehört, ein sich wiederholender roter Faden ist.

Graf bedient und variiert das Genre mit unerschöpflich erfinderischer Lust. In seinem letzten Krimi, POLIZEIRUF 110: BIS MITTERNACHT, der beim Filmfest 2021 uraufgeführt wurde, ging es vor allem darum, dass Verena Altenberger als Ermittlerin im Verhörzimmer ein Geständnis aus einem stark verdächtigen Serientäter heraustricksen will und zwar vor Mitternacht, denn sonst muss sie ihn gehen lassen. Da war das „Wie“ des Enttarnens entscheidend. In GESICHT DER ERINNERUNG tritt hingegen auch das „Wer“ in den Vordergrund. Wer ist der andere und vor allem auch: Wer bin ich selbst?

Christina entwickelt eine regelrechte Obsession, aus Patrick einen Wiedergänger ihrer ersten großen Liebe Jakob zu machen, gibt ihm einen Anzug von Jakob, den er sich anziehen soll, fände es gut, wenn er seine Haare dunkler färben würde, damit sie den Haaren Jacobs noch mehr ähneln … Die filmischen Identitäten kommen da ins Gleiten, in Grafs Film schimmert vielleicht ein Vorbild durch: Hitchcocks VERTIGO, in dem James Stewart als John „Scottie“ Ferguson eine Frau (Kim Novak) bedrängt, sich in ihrem Äußern einer anderen, toten Frau (Kim Novak) anzugleichen. Gespielt wird in Hitchcocks Film auch mit Scotties Höhenangst: Ihm wird beim Anblick von Abgründen schwindlig, womit sich ein Bogen schlagen lässt zum Anfang (und Ende) von Grafs Film, seinem kunstvollen Vexierspiel, in dem Christina, aber auch der von Alessandro Schuster gespielte Patrick in ihre Identitäts-Schluchten blicken werden.

Seine Premiere hat GESICHT DER ERINNERUNG heute um 20:30 Uhr im Gloria Palast, in Anwesenheit von Dominik Graf, den Darsteller:innen und Mitgliedern des Teams. Die zweite Aufführung findet morgen in einer Matinee-Vorstellung um 9:30 Uhr im HFF Kino 1 statt.

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Performer

Eine kleine Rolle in Grafs Film hat auch Tilman Vellguth, er spielt einen befreundeten Bandkollegen von Patrick. In PERFORMER von Oliver Grüttner hat Vellguth die Hauptrolle, verkörpert einen Abiturienten, der einen Amoklauf in seiner Schule plant. Vor der Kamera seines Laptops nimmt der im Alltag zurückhaltend wirkende Tim mehrere Home-Videos auf, in denen er seinen Hass auf die Welt, insbesondere auf Frauen, kundtut und sich mit Waffe in der Hand als zukünftiger Täter in Szene setzt.

Wie ein Schauspieler studiert Tim nachts in seiner Kammer eine Rolle ein, während seine Eltern nicht ahnen, was für eine Dunkelheit in ihrem Sohn steckt. Als Tim sein erstes Date hat und die Möglichkeit sich ergibt, dass er vielleicht auch seine erste Beziehung erleben wird, geraten seine Pläne ins Wanken: Wird er seine Performance vor der Kamera in eine reale Tat umsetzen? Welche Identität will er sich selbst geben? In einer dicht inszenierten Stunde lässt Grüttner in den Abgrund toxischer Männlichkeit blicken – ein starker, beeindruckender Debütspielfilm mit starken Performances, der heute um 18 Uhr im Astor Arri Kino seine Weltpremiere hat. Die Folge-Aufführungen sind am morgigen Donnerstag um 17 Uhr im City 2 und am Samstag um 15 Uhr im Atelier 1.

Und noch ein Hinweis und zwar auf einen Film, der am heutigen Mittwoch um 20 Uhr noch einmal im Filmmuseum zu sehen ist und der sich ebenfalls um Performanz und Schwindel erregende Identitätsfragen dreht.

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La place d'une autre

LA PLACE D’UNE AUTRE von Aurélia Georges handelt von Nelie, die gleich zu Beginn des Films ihren Job als Dienstmädchen verliert, weil der Hausherr ihr nachstellt und seine Gattin das bemerkt. In Paris kurz vor dem ersten Weltkrieg herrscht Armut auf den Straßen, Nelie findet aber immerhin eine Anstellung als Krankenschwester an der Front. In ihre Obhut kommt auch Rose, eine Tochter aus gutem Hause, die auf dem Weg war, Vorleserin der reichen Madame de Lengwil zu werden. Bei einem Bombenangriff stirbt Rose vor Nelies Augen, woraufhin Nelie sich kurzerhand als Rose ausgibt und die Stelle bei Madame de Lengwil antritt. Dass sie die Identität einer anderen übernommen hat, droht in diesem Drama, das sich unmerklich zum trickreichen Thriller entwickelt, immer wieder aufzufliegen. Ob Madame de Lengwil den Schwindel erahnt, bleibt lange Zeit im Dunkeln. Sie lernt ihre neue Vorleserin jedenfalls bald zu schätzen – vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wer diese eigentlich ist?

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