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Was in uns und der Welt steckt

Michael Stadler
Michael Stadler

Tagestipps, Freitag, 01.07.

Auch heute, am vorletzten Festivaltag, bietet das Filmfest zahlreiche Kino-Highlights, oftmals in Anwesenheit der Filmemacher:innen. Erneut zeigt sich die Programm-Auswahl hochpolitisch und gesellschaftskritisch, sei es, dass die Arbeitsbedingungen der mexikanischen Landbevölkerung (LA CAJA) oder die aktuellen Kriegszustände in der Ukraine (MARIUPOLIS 2) eingehend beleuchtet werden.

Was in uns und der Welt steckt

Das FILMFEST MÜNCHEN befindet sich auf der Zielgeraden: Noch zwei Festivaltage stehen an und es gibt für Sie weiterhin großartige Filme zu entdecken, die in dokumentarischer oder fiktionaler Form – oft auch in einer Mischung beider Formen – einmalige Blicke auf das aktuelle Weltgeschehen bieten.

 

1. Drei beeindruckende dokumentarische Recherchen

 

Ein Film, der bereits weltweit Aufsehen erregt hat und an dem man nicht vorbeikommt, ist MARIUPOLIS 2 von Mantas Kvedaravičius. 2016 hat Kvedaravičius den ersten MARIUPOLIS-Film in der Ukraine gedreht und kehrte nach Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine in die Stadt zurück, um das Kriegsgeschehen aus nächster Nähe aufzunehmen. Als er das Land wieder verlassen wollte, wurde er von der russischen Armee getötet. Seine Verlobte Hanna Bilobrova konnte die Aufnahmen aber über die Grenzen schmuggeln und vollendete gemeinsam mit dem Editor Dounia Sicho das letzte Werk von Kvedaravičius. Der Film ist nun ein atemberaubendes Dokument der zerstörerischen Kraft des Krieges und gleichzeitig ein Denkmal für all die Menschen, die in der belagerten Stadt ausharrten.

Das FILMFEST MÜNCHEN präsentiert MARIUPOLIS 2 heute als Deutschlandpremiere in der Reihe „Spotlight“: um 21 Uhr im Filmtheater Sendlinger Tor und zwar in Anwesenheit von Produzent Thanassis Karathanos. Eine zweite Vorstellung findet morgen um 17:30 Uhr im City 1 statt. Außerdem gibt es heute um 16 Uhr die Möglichkeit, ein "Filmmakers Live!"- Gespräch zum Thema "Ukraine" zu besuchen, bei dem der Regisseur von BUTTERFLY VISION, Maksym Nakonechnyi, dabei ist.

Mariupolis 2 Online1

Mariupolis 2

The Taking Online1

The Taking

Ein weiterer beeindruckender Dokumentarfilm beschäftigt sich mit einem der berühmtesten Landstriche der USA: In THE TAKING blickt Regisseur Alexandre O. Philippe hinter die imposanten Natur-Kulissen des Monument Valley, das besonders durch seine ikonographische Verwendung in zahlreichen Western berühmt wurde. Was jedoch nur wenige wissen, ist die Tatsache, dass das Monument Valley ursprünglich Stammesangehörigen der Navajo gehörte. Aus gekonnt montierten Filmausschnitten setzt O. Philippe einen erhellenden Essayfilm über die gewaltsame Aneignung eines Lebensgebiets zusammen. Heute wird der Film um 17 Uhr im Filmmuseum gezeigt, in Anwesenheit des Regisseurs, der nach der Vorstellung dem Publikum alle weiteren Fragen sicherlich beantworten wird.

In einer Mischung aus dokumentarischen und inszenierten Elementen puzzelt Schwulenikone Rosa von Praunheim in REX GILDO – DER LETZTE TANZ ein Bild von einem der größten deutschen Schlagerstars zusammen. Rex Gildo lebte mit seinem Manager Fred Miekley zusammen, musste aber in der Öffentlichkeit den Hetero-Schlagerstar spielen. So wurde ihm eine Affäre mit Gitte Haenning nachgesagt, später heiratete er unter großem Medienecho seine Cousine. Die Liebe zu Miekley blieb aber ungebrochen – bis sein engster Vertrauter nach 37 gemeinsamen Jahren einer Krankheit erlag.

Der Film zeichnet diese Geschichte zwischen Dokumentation und Nachdichtung großartig nach. Nach der Weltpremiere des Films am gestrigen Donnerstag wird der Film heute in unserer Open Air Location, dem Kino, Mond & Sterne um 21.30 Uhr, aufgeführt. Rosa von Praunheim und Teammitglieder werden anwesend sein und vielleicht werden ja auch Hits von Rex Gildo wie „Fiesta Mexicana“ gesungen…

Rex Gildo Online2 (1)

Rex Gildo - Der letzte Tanz

2. Drei Spielfilme mit dokumentarischem Einschlag

 

Was in der Welt passiert, verarbeiten viele Filmemacher:innen auch auf fiktionale Weise, um im Gewand der Dichtung zu einer inneren Wahrheit zu finden. Regisseur Lorenz Vigas erzählt in LA CAJA von einem jungen Mann, Hatzin, der in einer Box die Überreste seines Vaters überreicht bekommt. Der Senior arbeitete in einem Bergwerk im Norden Mexikos, der Junge hat ihn kaum gekannt. „In Mexiko wie im Rest Lateinamerikas gibt es unzählige zersplitterte Familien, in denen das Fehlen einer Vaterfigur zum Alltag gehört“, erzählt Regisseur Vigas im Presseheft zum Film. „Viele junge Menschen wachsen ohne Vater auf und werden von dieser Absenz nachhaltig geprägt. Dieses Thema, das so grundlegend für die Identität der Kinder ist, hat mich als Drehbuchautor besonders interessiert“.

Hatzin lernt einen Mann kennen, Mario, der seinem Vater stark ähnelt und arme Landbewohner als Arbeitskräfte an die Fabriken der Gegend vermittelt. Zunächst lässt sich Hatzin in die Geschäfte Marios bereitwillig verwickeln, muss jedoch zunehmend feststellen, dass Mario seinen Teil zur Ausbeutung der Landbevölkerung beiträgt. Auch hier zeigt sich Regisseur Vigas gesellschaftskritisch und deckt in Form eines fiktionalen Dramas Missstände in seiner Heimat auf. Heute, bereits um 15.30 Uhr, ist LA CAJA im HFF Kino 1 zu sehen, eine weitere Vorstellung findet morgen um 18 Uhr im Atelier 1 statt.

Ähnlich wie David O. Philippe in THE TAKING bringen uns die Regisseurinnen Riley Keough und Gina Gammell die Perspektive von Teilen der indigenen US-Bevölkerung in WAR PONY nahe. Der Film wurde im Pine-Ridge-Reservat gedreht, einem Reservat im Südwesten von South Dakota. Erzählt wird von zwei Lakota-Jungen, Bill und Matho, die trotz aller Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, den American Dream entschlossen verfolgen – mit mitunter dramatischen Konsequenzen. Die Hauptrollen wurden mit Darsteller:innen aus der Region besetzt, die ebenfalls dafür sorgen, dass dieser Spielfilm als authentisches Porträt einer neuen Generation junger Native Americans wirkt. Heute Abend um 18 Uhr ist WAR PONY im Filmtheater Sendlinger Tor zu sehen sowie morgen um 22 Uhr im Rio 1.

La Caja Online1

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War Pony Online

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it is in us all

In den Nordwesten Irlands, in die Stadt Donegal führt uns das Regie-Debüt der Schauspielerin Antonia Campbell-Hughes, IT IS IN US ALL. Campbell-Hughes stammt selbst aus der Gegend und beschäftigt sich unter anderem mit einem Gefühl der Entwurzelung, das sie selbst kennt. Zu Hamish, dem Protagonisten des Films, sagt sie in einem Regie-Statement: „Ich habe Hamish als Version meiner Selbst geschrieben. Ich wollte ihm ein introvertiertes Wesen geben, das wir sonst eher weiblichen Protagonisten zusprechen; ein Bestreben, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dafür brachte ich ihn an den Ort, wo seine Mutter geboren wurde, Donegal, ein Ort, an den er sich nicht erinnern kann.“

Aus London kehrt Hamish in diese unbekannte Heimat zurück, seine kürzlich verstorbene Tante hat ihm dort ein Haus hinterlassen. Bei einem Autounfall lernt er den 17-jährigen Evan kennen, mit dem er sich in der Folge anfreundet. Bestimmte Gefühle bleiben aber unausgesprochen in dieser unkonventionellen Beziehung. Welche Geheimnisse in diesem Film stecken, kann man heute um 22.15 Uhr im Rio 1 entdecken. Antonia Campbell Hughes steht nach dem Film für ein Q & A zur Verfügung.

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