News

Donnerstag, 04.07.2019

Wohin des Wegs?

Junge Protagonist*innen auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Sinnliche Selbstsuche: Mina Farid und Zahia Dehar in UNE FILLE FACILE

Wer bin ich eigentlich? Was ist mir wichtig? Was will ich in meinem Leben erreichen? Das sind Fragen, die wir uns wahrscheinlich alle irgendwann einmal stellen werden. Vor allem in den jungen Jahren, wenn uns die ganze Welt offensteht, Erwartungen wie Möglichkeiten auf uns einprasseln, kann das alles sehr einschüchternd und verwirrend sein. Denn auch wenn einem viele Menschen gut gemeinte Ratschläge geben, die Antworten auf die eigenen Fragen muss jeder für sich selbst finden.

Das KINDERFILMFEST MÜNCHEN 2019 erzählt viele solcher Geschichten von jungen Protagonist*innen, die an solchen Wendepunkten angekommen sind oder mit bestimmten Situationen fertig werden müssen. In der Bestsellerverfilmung MEIN LOTTA-LEBEN – ALLES BINGO MIT FLAMINGO! sind es die zehnjährigen Lotta und Cheyenne, die lernen müssen, was wahre Freundschaft bedeutet, nachdem sie als einzige nicht auf eine große Party eingeladen wurden. Auch die zwölfjährige Sue in INVISIBLE SUE wird gerne mal von anderen ignoriert. Doch dann entdeckt sie neue Kräfte in sich und schafft es, über sich hinauszuwachsen. In CHUSKIT verschlägt es uns in ein kleines tibetisch-buddhistisches Dorf im Himalaya, wo die junge Titelheldin davon träumt, die Schule besuchen zu dürfen – eine warmherzige Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

INVISIBLE SUE, MEIN LOTTA-LEBEN und CHUSKIT

Aber auch in den anderen Sektionen des FILMFEST MÜNCHEN 2019 gibt es jede Menge spannende Filme rund um Kinder und Jugendliche zu entdecken, die auf der Suche nach Antworten sind. Sehr ungewöhnlich sind beispielsweise zwei Filme, die aus Lateinamerika ihren Weg zu uns gefunden haben. Im LOS TIBURONES ist es die 14-jährige Rosina, die in der Nähe eines kleinen Dorfes in Uruguay glaubt, einen Hai gesehen zu haben. Während die Bevölkerung unruhig wird, macht sie selbst Jagd auf den hübschen Joselino, der für ihren Vater arbeitet. In dem poetischen Jugenddrama CENIZA NEGRA aus Costa Rica ist es die Liebe zur Familie, welche die 13-jährige Selva antreibt. Die Liebe zu ihrer verstorbenen Mutter, deren Geist sie noch immer zu sehen glaubt. Die Liebe zum Großvater, der selbst sterben möchte. Doch wo bleibt sie selbst?

Der 15-jährige Qodrat hat schon länger keine Familie mehr, dafür einen großen Traum: Held eines Bollywood-Films zu werden! Stattdessen landet er in DAS KINDERHEIM in einem Waisenhaus, in dem er viel über die Menschen und sich selbst lernt, während das Afghanistan der späten 1980er gerade dabei ist, sich stark zu verändern. EIGHTH GRADE ist hingegen völlig in der Gegenwart verortet, wenn die Achtklässlerin Kayla im Internet Tipps zur Selbstfindung gibt, dabei aber selbst mit ihrer Schüchternheit zu kämpfen hat. Der gefeierte Coming-of-Age-Film ist dabei am Puls der Zeit und spricht doch ganz klassische Themen an, die Jugendliche schon immer beschäftigt haben.

DAS KINDERHEIM, LOS TIBURONES und EIGHTH GRADE

Ebenfalls sehr nah an unserer Gegenwart ist der mit Mystery-Thriller-Elementen arbeitende Film L’HEURE DE LA SORTIE, der sich mit den Ängsten der heutigen Jugend auseinandersetzt. Wie sollen wir in einer Welt weiterleben, in der die Natur systematisch zerstört wird, uns alle anlügen und wir völlig machtlos sind? Aber auch das in Cannes gefeierte UNE FILLE FACILE befasst sich mit unterschiedlichen Generationen. Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Naïma, die zusammen mit ihrer sechs Jahre älteren Cousine Sofia den Sommer verbringt – und mit wohlhabenden Männern im mittleren Alter, die gleichermaßen Kunstwerke wie Frauen sammeln. Der Film ist eine sinnliche Auseinandersetzung mit Selbstfindung und der Sehnsucht nach Freiheit.

Wir haben Zahia Dehar, welche die Figur der Sofia verkörpert, bei der Deutschland-Premiere von UNE FILLE FACILE auf dem FILMFEST MÜNCHEN 2019 getroffen und sie zu ihrer eigenen Jugend, der richtigen Freiheit und Kinderträumen befragt.

 

Warum sind Sie Schauspielerin geworden?

Ich hab das Kino und Filme schon immer geliebt, seit ich ganz klein bin. Ich kann bis heute tagelang Filme anschauen und werde der Sache nie überdrüssig. Ich liebe wirklich Kino und Filme über alles. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich jemals in die Situation kommen möchte, mich selbst daran zu beteiligen. Marilou Berry hat mir eines Tages eine kleine Rolle angeboten. Ich habe das dann gespielt und hatte großen Spaß daran und so hat sich das dann entwickelt.

Welche Filme mögen Sie gerne?

Ich liebe Luis Buñuel. Ich liebe sein DIESES OBSKURE OBJEKT DER BEGIERDE. Dann gibt es DIE GÖTTLICHE, ein chinesischer Stummfilm aus den 1930ern von Wu Yonggang. Ich liebe diesen Film, weil er damals schon eine gewisse Kategorie von Frauen verteidigte, die diskriminiert wurden. Der Film war revolutionär und ist es bis heute geblieben. Ich liebe auch Roman Polanski, alle seine Filme, am meisten jedoch seinen BITTER MOON.

Wie war die Erfahrung für Sie, als Schauspielerin zu arbeiten?

Ich hab das total geliebt. Ich hab das Gefühl, ich mache die ganze Zeit nur etwas, das mich unterhält und belustigt. Es ist zwar Arbeit, es erfordert viel Disziplin, Filme zu machen, aber zugleich ist es etwas, das mich komplett begeistert. Ich habe tagelang gar nicht gemerkt, dass ich gearbeitet habe, von den Proben bis zum Dreh, das war für mich ein einziges Vergnügen. Es hat mir vor allem auch viel Leichtigkeit gebracht. Eine Leichtigkeit, die man vielleicht mit der Leichtigkeit eines spielenden Kindes vergleichen könnte. Eine Leichtigkeit, die mir auch geholfen hat, aus dem Alltag auszubrechen, der ja immer eine gewisse Monotonie mit sich bringt. Jedes Mal eine andere Person spielen zu können. Jedes Mal in ein anderes Universum eintauchen zu können.

Wie sehr können Sie sich mit der Rolle der Sofia identifizieren?

Ich glaube, wir sind einander schon sehr ähnlich. Es hat mir eine Menge Spaß bereitet, diese Figur zu spielen, auch wenn sie natürlich komplette Fiktion ist. Wir haben beide diesen Durst nach Abenteuer, diesen Lebensdurst. Wir sind beide stark an der Freiheit interessiert. Sie steht eindeutig für Figuren und Personen, die ich bewundere. Insofern war es für mich etwas ganz Tolles, sie zu verkörpern. Sie steht für mich für Personen, die mich inspirieren können, die völlig frei sind und sich ausleben können. Ich denke, sie gespielt zu haben, hat mich noch ein wenig freier gemacht. Ich merke deutlich, wie ich mir viel öfter Freiheiten nehme, wie ich meine Freiheit viel bewusster wahrnehme. Wie ich mich auch bewusster von dem distanzieren kann, was die Gesellschaft an lächerlicher Moral für uns bereithält.

Man könnte aber auch argumentieren, dass sie nicht wirklich frei ist, weil sie Männer braucht, um sich auszuleben.

Wir sind doch alle lebendig und die Natur hat uns so gemacht, dass wir körperliche und sexuelle Bedürfnisse haben. Dass wir einen Partner oder eine Partnerin brauchen, die uns stimulieren, sonst werden wir hysterisch. Wir brauchen jemanden an unserer Seite. Manche Leute sind sehr stark unterworfen und sehr unfrei und haben vielleicht auch nur eingeschränkt diesen Zugang. Wir brauchen vor allem den anderen, um unser Gehirn zu stimulieren. Sofia verbindet in dem Moment das Nützliche mit dem Angenehmen. Sie hat da ihren Weg gefunden. Es mag Leute geben, die das als weniger frei empfinden. Für mich ist sie aber eindeutig frei und nutzt die Chancen, die sich ihr ergeben. Andere, die diese Chancen nicht nutzen oder nicht verstehen, wie diese Austauschbasis funktioniert, sind dann vielleicht sehr traurig und haben weniger Aufmerksamkeit, die ihnen gewahr wird. Wir sind alle in dieser Welt, um mit anderen ins Gespräch und in den Austausch zu kommen. Und natürlich ganz zentral, um sich anregen zu lassen.

Ein weiteres Thema in dem Film ist der Wert des Menschen. Sofia begegnet mehreren Männern, die ihren eigenen Wert daran festmachen, wie viel sie besitzen. Was bestimmt für Sie den Wert eines Menschen?

Das ist eine interessante Frage. Ich würde sagen, Empfindsamkeit und Mitgefühl für andere, selbst wenn sie weit weg sind. Wenn die Welt mehr Empfindsamkeit und Mitgefühl hätte, wäre sie ein besserer Ort.

Die zweite Hauptfigur in dem Film ist Ihre jüngere Cousine Naïma, die noch ihren eigenen Weg sucht. Als Sie jung waren, was wollten Sie einmal werden? Was war Ihr Traum?

Ich wollte Pilotin werden.

Und wovon träumen Sie jetzt?

Davon gibt es viele. Im Wesentlichen, dass ich mich weiter entwickeln und entfalten kann und ich an weiteren so begeisternden Projekten wie UNE FILLE FACILE teilnehmen kann. Das ist wirklich schon die Erfüllung eines großen Traumes.

Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Rat geben könnten, welcher wäre das?

Ich glaube, der einzige Rat, den ich mir als Kind nicht genug gegeben habe, ist der: Pass auf, es gibt viele böse Menschen da draußen. Diesen Rat hätte ich wirklich gut gebrauchen können.

Und wenn Sie einem anderen jungen Mädchen einen Rat geben könnten, das noch seinen Weg sucht, was würden Sie ihm sagen?

Das hängt ganz davon ab, wer dieses junge Mädchen ist. Ich würde ihm vor allem raten, es selbst zu sein und sich nicht irgendwelchen Vorurteilen zu unterwerfen, die völlig unsinnig sind. Die Mädchen  sollen sie selbst und – ganz wichtig – authentisch sein.