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Mittwoch, 31.07.2019

Von Einwandererträumen und Frauenrollen

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT: Anne Ratte-Polle im Interview

Anne Ratte-Polle in ES GILT DAS GESPROCHENE WORT


Eine 40-jährige Pilotin, die mit einem 15 Jahre jüngeren Ausländer eine Scheinehe eingeht? Das ist ein ungewöhnliches Szenario mit viel Konfliktpotenzial. Nachdem das deutsche Drama ES GILT DAS GESPROCHENE WORT Ende Juni auf dem FILMFEST MÜNCHEN 2019 Weltpremiere hatte und dort auch mehrfach ausgezeichnet wurde, steht am 1. August 2019 der reguläre Kinostart an. Wir haben uns mit Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle getroffen und sie zu dem Film, ihren eigenen Erfahrungen und den Herausforderungen unserer Gesellschaft befragt.

Was hat Sie an dem Stoff gereizt?

Ich fand die Liebesgeschichte toll. Eine Frau um die 40, der Mann Mitte 20, das ist interessant. Dann fand ich superinteressant, dass sie Pilotin ist. Das hat so viel Spaß gemacht zu spielen, auch weil es eine andere Welt ist. Außerdem war das Buch so toll geschrieben, die Dialoge. Von Anfang an war das alles immer so leicht schräg. Jede Situation hatte einen so guten Witz. Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Spaß beim Textlernen. Oft habe ich Rollen gekriegt, wo ich nie was gesagt habe. Die Figuren waren oft sehr stumm. Hier konnte ich endlich mal quatschen. Das hat mich sehr gefreut. Gereizt hat mich auch noch, dass das Buch so viele merkwürdige Themen anspricht, gesellschaftlicher Art, die einfach schwarze Stellen oder Stigmata sind. Die werden aber alle nur so angeschnitten. Da wird nicht das große Drama draus gemacht. Der Film schaut mehr, wie die Figuren mit den Situationen umgehen. Der Film ist einfach sehr heutig und zeigt, wie es ist.

Wobei Sie es ja schon angesprochen haben: Der Altersunterschied zwischen den beiden ist ungewöhnlich und eine Frau als Pilotin hat man auch nicht so wahnsinnig oft.

Das stimmt. Es war nie ein Thema, wenn ein Mann mit einer deutlich jüngeren Frau zusammen war. Inzwischen wird es zwar häufiger, dass Frauen einen jüngeren Mann haben. Aber es wird noch nicht als normal angesehen. Und klar, Piloten ist eine absolute Männerdomäne. Wir denken zwar an die hübschen Flugbegleiterinnen. Kapitäninnen sind aber nach wie vor die absolute Ausnahme. Ich hab natürlich auch mit einer gesprochen. Wenn sie dann im Flugzeug die Ansprache macht, merken viele nicht, dass das jetzt die Pilotin ist und nicht die Stewardess. Diese Welt im Film, die mit den Mann-Frau-Bildern spielt, finde ich sehr spannend. Ich bin auch einmal in dieser Uniform mit den Streifen durch den Flughafen gegangen und wurde dabei von allen Seiten sehr aufmerksam aufs Herzlichste gegrüßt. Das ist schon besonders.

Denken Sie, dass es jemals nicht mehr besonders sein wird, sowohl eine Frau als Pilotin wie auch der Altersunterschied? Dass es irgendwann nicht mehr auffallen wird?

Ach, es kann ja schon auffallen. Wenn der Altersunterschied so hoch ist, egal ob nun Mann oder Frau, dann ist das schon eine Setzung. Es muss nicht alles egalisiert und normal sein. Es darf auch etwas Besonderes bleiben. Aber ich würde mir natürlich schon wünschen, dass man es als Frau nicht so hart hat.

Das Alter ist nicht der einzige Kontrast zwischen den beiden Figuren. Da wäre zum einen natürlich die Kultur, aber auch wo die beiden gerade in ihrem Leben stehen. Sie hat eine ganze Menge erreicht, er nicht so unbedingt. Kann so eine Beziehung überhaupt funktionieren?

Das ist eine gute Frage. Einfach ist es sicher nicht. Aber es ist doch auch schön, wenn etwas derartig aufeinander clasht. Egal wie die Herkunft ist oder wie unterschiedlich die Kultur, das ist nicht einfach. In anderen Kombinationen sind wir das gewohnt. Der stellvertretende Vater, der sich um alles kümmert, und der Rest sagt nur Ja und Amen.



Marion tut das nicht.

Nein. Sie ist eigentlich eher in der Position des Vaters. Wobei sie auch keinen Mann an ihrer Seite will, der Ja und Amen sagt. Aber als Frau wäre das nichts Besonderes, dass man einen Mann hat, der alles bezahlt und sich um alles kümmert. Das ist das gängige Lebensmodell seit Jahrhunderten. Wir leben in Zeiten, in denen es wieder komisch reaktionär wird, das spürt man an allen Ecken und Enden. Klar sind Frauen heute emanzipierter. Aber es tauchen wieder Fragen auf, von denen man dachte, sie wären in den 70ern schon genügend behandelt worden.

Warum lässt sich Marion überhaupt auf dieses Arrangement der Scheinehe ein? Was Baran davon hat, das ist klar, er will die Aufenthaltsgenehmigung. Aber was genau will Marion?

Sie hat gerade ihren Job verloren und hat sehr viel Zeit. An einer Stelle sagt sie: „Das Schlimmste ist das Rumsitzen.“ Sie hat auch viel Kohle. Sie hat keine Familie, nichts, worum sie sich kümmern muss. Da kann sie auch jemandem helfen. Es kostet sie nichts.

Ist das Thema Scheinehe in Deutschland relevant?

Ich habe Geschichten gehört vom Regisseur, dass es das gibt, klar. In einigen war die Frau verliebt in den Mann und am Ende enttäuscht. In dem Film ist es ja so, dass sich Marion erst später verliebt.

Marion steht im Film an einem Scheideweg und muss darüber nachdenken, wie es mit ihr weitergehen soll. Sind Sie jemals in einer Situation gewesen, in der Sie Ihr Leben grundsätzlich überdenken mussten?

Ja, absolut, ich kenne das. Das Leben ist ein auf und ab. Die Begegnung mit dem Tod stellt beispielsweise viel in Frage. Der Tod wird in unserer Gesellschaft aber völlig ausgeblendet. Im Kapitalismus gibt es keinen Tod. Tod verkauft sich nicht. Man ist krank, wenn man trauert. Man sieht auch nicht gut aus. Das habe ich schon erlebt, dass ich nicht mehr weiter wusste. Früher gab es noch Rituale und man ging zum Friedhof oder hatte eine Religion. Das ist heutzutage nicht mehr so der Fall. Heute stehen wir ziemlich dumm da, wenn wir einen nahestehenden Menschen verlieren. Vor kurzem ist eine Freundin von mir gestorben mit 36 Jahren. Die Familie von dieser Freundin war extrem religiös und die war so aufgehoben in ihrem Glauben, dass alles gut ist, wie es ist. Das hat mich schon sehr beeindruckt.

Sind Sie selbst religiös?

Ich bin religiös erzogen worden, praktiziere aber nicht oder wenn, dann auf meine Weise. Ich finde es auch wieder ganz schlimm, was der Vatikan jetzt in Bezug auf Kindesmissbrauch beschlossen hat. Das ist absolut ein Grund für mich auszusteigen. Ich bin zur Zeit nur noch drin, weil ich denke, dass es vielleicht die einzige Institution ist, in der Gelder noch für soziale Dinge verwendet werden.

Zurück zum Film: ES GILT DAS GESPROCHENE WORT ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern behandelt auch das Thema Immigration. Das ist oft emotionaler besetzt, weil manche das Gefühl haben, dass schon zu viele hergekommen sind. Wie stehen Sie dazu? Wie viele Leute sollte man ins Land lassen?

So viele wie möglich, natürlich. Wir leben hier im Luxus auf Kosten anderer. Da ist es ganz klar, dass man das teilt, das ist keine Frage. Was gibt uns das Recht, nur weil wir hier und in diesem System geboren sind, das alles für uns behalten zu wollen? Natürlich muss man daran arbeiten, dass das funktioniert. Man kann nicht Leute hierherholen und irgendwohin verfrachten. Das geht nicht. Es gibt nur diesen einen Planet und da müssen wir alle miteinander auskommen und miteinander kommunizieren. Ich habe 2004 den Film „Willenbrock“ gedreht mit Andreas Dresen. Da ging’s um einen Autohändler, bei dem auf einmal das Leben einbricht. Da gibt es Diebstähle. Da war es ganz klar: Wir leben auf Kosten derer und irgendwann kommen die zurück. Andersrum wäre es genauso. Man sollte vielleicht nicht nur Waffen an die Länder verkaufen, wo es brennt. Das ist so verquer, was da abgeht. Alles dreht sich immer mehr ums Geld. Es wird überall ständig Gier und Angst produziert.

Baran hat es trotz seiner Aufenthaltsgenehmigung bei seiner Arbeit in Deutschland schwer, wobei es der Film ein wenig offen lässt, ob das wegen Rassismus so ist oder weil er einfach der Neue ist. Haben Immigranten in Deutschland überhaupt eine faire Chance?

Ich bin jetzt keine Immigrantin und kann das deshalb nicht so genau sagen. Aber ich glaube nicht, dass das so einfach ist. Da habe ich auch viele Geschichten gehört. Ein Freund von mir hat einen Freund aus Südafrika, der gerne arbeiten möchte, aber nicht darf, weil er in Brandenburg in einem Wohnhaus wohnen muss. Dort kann er aber nicht arbeiten. Es ist hanebüchen. Schlimmer noch ist diese sogenannte „Salonfähigkeit“ von Faschismus, die gerade wieder auftaucht. Was ist da los? Das ist so widerlich. Ich finde es einfach unfassbar und unerträglich. Gerade in Deutschland! Klar ist es nicht einfach, wenn wir so viele Leute unterbringen müssen. Aber was ist schon einfach?

Letzte Frage: Welche Projekte stehen als nächstes bei Ihnen an?

Ich drehe gerade SHADOWPLAY in Prag. Das ist eine internationale Serie von Måns Mårlind der auch DIE BRÜCKE geschrieben hat. Sie spielt 1946 in Berlin... Dann spiele ich im Sommer in Christian Petzolds neuen Kinofilm und in der dritten Staffel von DARK. Ich habe vor kurzem einen TATORT mit Ulrich Tukur gedreht. Der ist wie ein Film Noir oder Chabrol-Film mit einer schönen Liebesgeschichte. Regie: Grzegorz Muskala. Und es erscheint auch bald noch ein Thriller, WALKÜRE, Regie: Jakob Ziemnicki. Außerdem habe ich ein tolles Stück gemacht „Der Palast“ an der Volksbühne mit Constanza Macras. Das ist mit sieben Tänzern und drei Schauspielern. Und dann gibt es noch ein paar Sachen, über die ich noch nicht rede, weil die Ideen noch sehr neu geboren sind. Die lasse ich dann noch ein bisschen im Bettchen.