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Mittwoch, 03.07.2019

Neue Stimmen

Junge Filmemacherinnen auf dem Festival

Einer von vielen Filmen spannender Regisseurinnen: CANCION SIN NOMBRE

Viel wurde in den letzten Jahren über die Situation von Frauen in der Filmbranche gesprochen. Über die systematische Benachteiligung, sowohl vor als auch  hinter der Kamera. Ob es nun die wenig differenzierten Rollen sind, die Frauen nur als Beiwerk ansehen, oder die Arbeit von Regisseurinnen, die nicht die Würdigung erfährt, die ihr zustehen sollte – da gibt es noch viel Nachholbedarf. Doch seit einiger Zeit ist ein langsames Umdenken in der Branche zu beobachten. Die Erkenntnis setzt sich nach und nach durch, dass da draußen erstklassige Filmemacherinnen auf ihre Entdeckung warten, die uns die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigen und spannende Impulse setzen. Das FILMFEST MÜNCHEN freut sich, einige dieser Künstlerinnen mit ihren Werken dieses Jahr begrüßen zu dürfen.

Eine davon: Melina León. Als erste peruanische Regisseurin wurde sie zu den Filmfestspielen in Cannes eingeladen, um dort ihren Debütfilm CANCIÓN SIN NOMBRE vorzustellen. In dem erschütternden Schwarzweiß-Drama erzählt sie die auf wahren Vorfällen basierende Geschichte einer Frau, deren neu geborenes Kind aus einer vorgeblichen Klinik entführt wird. Verzweifelt kämpfen sie und ein Journalist danach gegen bürokratische Gleichgültigkeit und das Vergessen, in der Hoffnung, dass sie ihr Kind wieder in die Arme schließen darf.

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern spielt auch in C’EST ÇA L’AMOUR eine große Rolle. Die Französin Claire Burger zeichnet darin das Bild einer zerbrechenden Liebe und des verzweifelten Versuchs, eine Familie zusammenzuhalten. Doch während Vater Mario um seine Frau Armelle kämpft, zählen für die nur noch die Kinder. Die wiederum wissen immer weniger, was sie mit dem Mittfünfziger anfangen sollen: ein nachdenkliches Plädoyer für die Liebe und dafür, sich selbst neu zu entdecken.

MÄR, DAS KINDERHEIM und UNE FILLE FACILLE

In DAS KINDERHEIM, ein ungewöhnliches Jugendporträt der iranisch-stämmigen Afghanin Shahrbanoo Sadat, ist es das Kind selbst, das im Mittelpunkt steht. Eltern hat der 15-jährige Qodrat keine mehr oder auch sonst niemanden, der sich um ihn kümmert. Erst in einem Waisenhaus lernt er den Zusammenhalt kennen, den ihm das Leben bislang verwehrte. Er muss aber auch einsehen, dass der Alltag nicht so ist wie in den Bollywood-Filmen, die er so liebt, denn das Afghanistan der späten 80er befindet sich mitten im Umbruch.

In dem düsteren Drama L’ENKAS der französischen Regisseurin Sarah Marx ist der Sohn längst erwachsen und muss sich seinerseits um die Mutter kümmern. Vor allem muss er sich um die Schulden kümmern, die sie angesammelt hat. Das ist nicht so einfach, wenn man gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und die Welt nicht gerade auf einen gewartet hat. Also tut Ulysse das, was er am besten kann: Verbrechen begehen. Genauer gesagt, verkauft er mit Ketaminen versetztes Wasser an Partygäste und hofft auf diese Weise das dringend benötigte Geld zusammenzubekommen.

MEIN ENDE. DEIN ANFANG. und L'ENKAS

Um Geld muss sich die 22-jährige Sofia nicht kümmern, sie ist es gewohnt, dass andere für sie bezahlen. Dafür geizt sie dann auch nicht mit ihren Reizen, ein Luxusleben muss schließlich verdient werden. Die in Paris geborene Rebecca Zlotowski nimmt uns in der betörenden Coming-of-Age-Geschichte UNE FILLE FACILE mit ins sonnige Südfrankreich, wo wohlhabende Herren Kunstwerke und hübsche Frauen gleichermaßen sammeln. Für Sofias 16-jährige Cousine Naïma ist diese Welt ebenso neu wie aufregend, einen Sommer lang wird sie diese und das Leben entdecken.

Bei MEIN ENDE. DEIN ANFANG. ist es der Tod, der die Protagonistin dazu zwingt, alles noch einmal neu zu überdenken. Wie soll Nora aber auch weitermachen, jetzt da Aron tot ist? Lange haben sie sich nicht gekannt. Doch für sie stand fest, dass er ihre große Liebe war. Jetzt taumelt sie durch die Stadt, ohne Ziel, ohne Sinn, sucht Halt bei Natan, der auf seltsame Weise mit ihrem Leben verbunden zu sein scheint. Die japanisch-deutsche Filmemacherin Mariko Minoguchi gibt mit diesem ungewöhnlichen und nachdenklichen Drama ihr Debüt als Regisseurin.

Auch ihre in Berlin geborene Kollegin Katharina Mihm hat sich für ihr Spielfilmdebüt einen besonderen Stoff ausgesucht. MÄR beginnt mit einer Entdeckung, auf die niemand wirklich vorbereitet ist: Die Wölfe sind zurück! In dem kunstvoll mit Mystery-Elementen durchzogenen Drama will ein Journalist der Faszination auf den Grund gehen, die das Raubtier auf die Menschen ausübt, und stößt dabei auf eine Legende, die ihn an allem zweifeln lässt, was er zu wissen glaubt.

VITA & VIRGINA und Regisseurin Chanya Button

Nicht ganz so märchenhaft, dafür historisch bedeutsam: die Beziehung zwischen den Schriftstellerinnen Vita Sackville-West und Virginia Woolf. Zwei Frauen, die sich lieben? Das war in den 1920ern schon ein ziemlicher Skandal, vor allem in der gehobenen Gesellschaft. Die englische Regisseurin Chanya Button porträtiert in VITA & VIRGINIA zwei große Künstlerinnen, die sich gegen die üblichen Konventionen auflehnten und mit ihren Werken zu wichtigen Vorreiterinnen der Frauenbewegung wurden.

Wie Button selbst zu diesem Thema gekommen ist und wie sie die aktuelle Situation von Filmemacherinnen sieht, das hat sie uns in einem Interview anlässlich der Deutschlandpremiere von VITA & VIRIGINA auf dem FILMFEST MÜNCHEN 2019 verraten.

In den letzten Jahren wurde viel über die Situation von Frauen in der Filmbranche diskutiert. Hast du als Regisseurin den Eindruck, dass es derzeit viel Unterstützung für Regisseurinnen gibt? Vor allem, wenn sie Filme über starke Frauen drehen?

Filme über starke Frauen sind die Filme, die ich selbst drehen will. Ich sitze hier auf einem Festival und habe die Chance bekommen, meinen Film zu machen. Meine Antwort ist daher ja. Aber ich denke, dass du eine Menge von Regisseurinnen finden wirst, die ihre Mühe haben, die Ideen vorstellen, die ihre Filme vorstellen und nicht das Gefühl haben, dass ihnen jemand zuhört. Im Moment fühle ich mich unglaublich unterstützt. Aber Filme zu machen ist grundsätzlich eine schwierige Angelegenheit. Ich habe keinen Zweifel, dass da noch viel mehr getan werden muss hinsichtlich der Unterstützung. Diese Fragen zur Situation von Frauen in Filmen höre ich oft. Manchmal werden diese Fragen aber so gestellt, als ob das alles ein Trend wäre. Filmemacherinnen sind jedoch keine Mode. Das ist nichts, was in der nächsten Saison schon wieder vorbei ist … hoffe ich. Das ist etwas, das wir schon immer hätten tun soll. Wir haben nicht nur Platz für eine starke Frau auf einem Festival.

Als Quotenfrau.

Genau. Das ist das einzige, wo wir aufpassen müssen, dass es nicht nur als Trend wahrgenommen wird. Frauen, die Filme machen und wahrgenommen werden, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Aber wenn du dir Cannes anschaust, dann ist das nicht wirklich eine Selbstverständlichkeit.

Das stimmt, das ist erbärmlich. Manchmal siehst du, was andere so sagen, und denkst dir: Hat dir keiner gesagt, dass du so etwas nicht sagen kannst? Du liest diese Dinge und das ist alles so sinnlos, dass es fast sinnlos ist, sich damit überhaupt auseinanderzusetzen.

Kommen wir zu deinem eigenen Film. Was bedeutet Virginia Woolf für dich? Was sind deine Berühungspunkte?

Ich habe angefangen sie zu lesen, als ich noch ein Teenager war. Meine Mutter hat mir wohlweislich eine Ausgabe von „A Room of One’s Own“ gegeben.

Damit kannst du gar nicht früh genug anfangen.

Nein, kannst du nicht. Sobald du lesen kannst, schnapp dir „A Room of One’s Own“. Ich kam also erstmals durch ihre Essays in Berührung mit ihr, in denen sie Frauen dazu ermuntert, eigene Werke und ihre eigene Identität zu schaffen. Sie war so unglaublich wortgewandt. Wenn du irgendein Problem hast oder einen Rat brauchst, dann wird es wahrscheinlich einen Essay von ihr zu dem Thema geben. Sie schrieb auch einen Essay namens „On the Cinema“, der mich auch dazu ermuntert hat, Filmemacherin zu werden. Auch wenn wir sie wie viele anderen ikonischen Schriftsteller als eine Figur der Vergangenheit ansehen, war sie unglaublich zukunftsweisend. Sie war sehr begeistert von dem Film als neuer Technologie. Sie sagte, er ist die erste Gelegenheit, uns selbst objektiv zu sehen, weil zum ersten Mal Menschen durch eine Maschine auf sich selbst sehen und nicht durch die Feder eines Schriftstellers oder den Pinsel eines Künstlers. Das ist so eine interessante Idee. Das war so revolutionär, als würde heute jemand wie Zadie Smith oder Salman Rushdie sagen: Instagram ist die größte neue Kunstform. Da würden viele von uns sagen: Bist du dir da sicher? So wie viele Leute damals das Kino in Frage stellten. Ihre Art zu denken fand ich schon als junger Mensch fantastisch und bin später dann zu ihren Roman gekommen. 

Und wie sieht es mit Vita aus?

Ich kannte sie vorher schon als Inspiration für „Orlando“. Ansonsten wusste ich aber nichts über sie. Es war deshalb eine schöne Erfahrung, diesen Film zu machen.  Vita ist jemand, den ich durch meine Arbeit am Film entdeckt habe.

Wie wichtig war Virginia Woolf deiner Meinung nach für die Frauenbewegung in den letzten 100 Jahren?

Sehr wichtig. „A Room of One’s Own“ als Denkweise und Aufruf zur Selbstdarstellung ist unglaublich wichtig. Wir haben aber keinen traditionellen Historienfilm gemacht. Stattdessen wollten wir unsere eigene Version erschaffen. Wir haben keinen Dokumentarfilm gedreht. Wir haben einige sehr mutige künstlerische Entscheidungen getroffen und konzentrieren uns auf Elemente im Leben der beiden, die uns besonders interessiert haben, Gemma, Lizbeth und mich.

Wie groß war der Einfluss der beiden Schauspielerinnen bei Nachbildung der Schriftstellerinnen?

Sehr groß. Mir ist gemeinschaftliches Arbeiten sehr wichtig. Ich neige dazu, diese großen, allgemeinen Ideen zu haben, höre aber auch den Leuten zu, mit denen ich zusammenarbeite. Gemma und Liz waren sehr involviert und gaben eigenen Input für das Drehbuch und alles, was ihnen wichtig war. Das ist nichts, worauf ich mich verlasse, aber ich nehme es doch sehr gern an.

Wie viel Erfahrungen hatten die beiden denn mit den Schriftstellerinnen?

Nicht sehr viel. Was glaube ich sehr gut war, weil sie nicht zu sehr in ihrer Interpretation eingeschränkt wurden. Sie haben sehr viel nachgeforscht und waren sehr respektvoll beim Umgang mit Vita und Virginia. Und beide mögen sie jetzt wirklich gerne.

Hat es dich eingeschüchtert solch wichtige historische Figuren für deinen Film in Szene zu setzen?

Ich habe sehr viel Respekt vor Akademikern, die in diesem Bereich arbeiten. Aber auch vor hinterbliebenen Familienmitgliedern und anderen Menschen, die ihre Werke lieben. Ich glaube aber, dass wir alle das Recht haben, unsere eigene Beziehung zu Dingen aufzubauen, die uns wirklich bewegen. Ich war also weder nervös noch eingeschüchtert. Ich habe das Glück, eine gute Ausbildung genossen zu haben, die mich gelehrt hat, dass meine eigene Meinung eine Berechtigung hat. Natürlich nicht mehr als die Meinung anderer. Dennoch: Viele Menschen denken nicht so.

Als ich mit der Arbeit am Film begonnen habe, wusste ich, dass ich viel Respekt haben muss – vor den Menschen, die sich fühlen, als hätten sie die Rechte an diesen zwei Frauen und ihren Leben. Aber der Film ist auch ein Kunstwerk, und Kunst ist immer eine Meinung. Der Film ist meine. Ich hoffe er kann Teil der Debatte über diese zwei tollen Frauen werden. THE HOURS - VON EWIGKEIT ZU EWIGKEIT ist ein wunderbarer Film, der den Geist und den letzten Lebensabschnitt von Virginia Woolf einfängt. Der Film macht “Mrs Dalloway” lebendig. Sally Potter hat aber auch eine unglaublich Adaption von “Orlando” gemacht. Und ich hoffe, dass sich die Leute vielleicht alle drei Filme anschauen wollen, meinen eingeschlossen.

Wie hast du recherchiert? Wie viel im Film sind historische Fakten?

Ich bin mit viel Vorwissen über Virginia Woolfs Leben in das Filmprojekt gestartet. Es gibt viele Briefe, die sich Vita und Virginia geschrieben haben. Es gibt Tagebücher, es gibt die Häuser, in denen sie gelebt haben und die man besichtigen kann. Ich habe mit Nachkommen beider Frauen und mit Akademikern gesprochen, deren Vorlesungen ich früher an der Universität besucht habe. Ich habe ihre Häuser besichtigt und die Kunst von Virginias Schwester Vanessa Bell und ihrem künstlerischen Partner Duncan Grant angesehen. Das war meine Hauptvorbereitung.

Aber ab einem gewissen Punkt musste ich das Wissen, das ich gesammelt hatte, loslassen, weil ich meine eigene Meinung bilden musste. Zum Beispiel ist der Soundtrack mit moderner Musik. Ich wusste, dass das nicht allen gefallen würde. Für mich drückt es aber aus, wie fortschrittlich diese Frauen waren. Besonders Virginia Woolf brach alle literarischen Konventionen. Sie wurde als sehr avantgardistische Schriftstellerin angesehen. Wie man im Film sehen kann, haben sie ihre Romane am Anfang in ihrem Keller gedruckt. Sie haben dort auch T.S. Eliot gedruckt und Sigmund Freund, zum ersten mal auf englisch. Vita und Virginia hatte beide sehr progressive Ehen und auch eine progressive Beziehung zueinander. Ich wollte mit den Visionen, die Virginia im Film hat, einen anderen Blick auf ihre mentale Zerbrechlichkeit werfen. Denn man sieht wie sie leidet, aber erlebt auch, wie sie diese brillanten Ideen hat. All diese gewagten Entscheidungen basieren aber auf Recherche und Wissen.

Was hat dich dazu ermutigt Filmemacherin und Künstlerin zu werden?

Virginia Woolf, zum Beispiel. Was ich an Filmen liebe, ist, dass man total in eine andere Welt eintauchen kann. Sie haben mich immer mehr bewegt als jede andere Kunstform. Ich wünschte ich könnte die Zuschauer, die nach VITA & VIRGINIA aus dem Kinosaal gehen, fragen, wie sie sich gefühlt haben, und nicht was sie gelernt haben. Und, wie sie sich jetzt fühlen. Die Erinnerungen an prägende Filme, die man in der Vergangenheit gesehen hat, können genauso lebendig sein, wie Dinge, die wirklich passiert sind. Ich weiß nicht, ob das gesund ist, aber ich erinnere mich sehr gut an viele Filme, die ich als Kind geliebt habe. Ich war Einzelkind und liebte es, zu lesen. Ich war ein kleiner Nerd. Ich habe nicht viel Zeit mit anderen verbracht. Filme sind ein Teil von dem, was wir sind und wie wir miteinander kommunizieren. Es ist so genial, wenn man als Filmemacher*in umher reist und alle möglichen Leute trifft, die aus den unterschiedlichsten Verhältnissen stammen. Es ist toll hier mit dir zu sitzen und die Gedanken zu teilen, die ich vor zwei Jahren hatte.