Open Air | Loud And Famous

Loud and famous

Die Open-Air-Reihe zeigt in diesem Jahr besondere Konzertfilme unter Sternen. Kuratiert wurde die Reihe von Walter Greifenstein (BR)

Die Füße küssen könnte man ihm. So nah ist er: David Byrne, Leadsänger der Talking Heads. Seine Füße laufen über den Bühnenboden, seine Hand stellt einen Kassettenrekorder neben ihnen ab. Weiße Stoffschuhe, hellgraue Anzughose. Und dann endlich gleitet der Blick nach oben – zu diesen apathisch aufgerissenen Augen, diesem zum Takt der Gitarrenschläge zuckenden Musiker, der zu Beginn des Konzerts noch alleine auf der Bühne steht. Erst nach und nach werden seine Bandkollegen den Raum hinter ihm füllen. Und der Zuschauer? Der darf imaginär mit David Byrne und Tina Weymouth über die Bühne tanzen.

Was nach einem Traum für jeden Talking-Heads-Fan klingt, hat der kürzlich verstorbene Regisseur Jonathan Demme für immer festgehalten: Sein Konzertfilm STOP MAKING SENSE feierte 1984 Premiere auf dem FILMFEST MÜNCHEN. Damals heizte die Band dem Publikum in den Pausen live ein – 33 Jahre später wird sie die Piazza am Gasteig erbeben lassen.

Das Open Air des FILMFEST MÜNCHEN widmet sich dieses Jahr ganz besonderen Konzertfilmen. Nach dem Motto „Loud and Famous“ werden im Innenhof des Gasteig herausragende Musiker geehrt: Neben den Talking Heads treten verstorbenen Heroen wie Janis Joplin, Jim Morrison, David Bowie, Bob Marley, Falco und Neil Young auf, ihre Energie wird auf der großen Leinwand noch mal erlebbar. Die diesjährige Open-Air-Reihe bietet erneut Filme unter freiem Himmel, die in guter Gesellschaft und entspannter Atmosphäre umso mehr Vergnügen bereiten. „Loud and Famous“ vereint neun außergewöhnliche Konzertfilme, die den Gasteig in ein Epizentrum der guten Laune verwandeln werden.

Das liegt einerseits an der Musik: Niemand kann Bob Marleys „I Shot the Sheriff“ oder den „Rock’n’Roll Suicide“ von David Bowies Alter Ego ZIGGY STARDUST regungslos an sich vorbeirauschen lassen. Andererseits kann man zumindest optisch mit den Musikern auf Tuchfühlung gehen. Die ausgewählten Konzertfilme sind nicht bloße Mitschnitte vergangener Ereignisse – sie spielen mit der Zuschauersehnsucht nach Nähe, zeigen die Musiker in Großaufnahmen, kokettieren mit wechselnden Kameraeinstellungen und flirtiven Umrundungen. Jonathan Demme bleibt in STOP MAKING SENSE bis zum letzten Lied bei den Talking Heads, die Kamera wirft keinen einzigen Blick ins Konzertpublikum, das 1983 live dabei sein durfte. So können die Open-Air-Besucher, unbeeinflusst vom einstigen Publikum, ihre eigenen Eindrücke sammeln – beinahe live.

Nebenbei entstanden wunderbare Star-Portraits, wie in den Konzertfilmen des diesjährigen Ehrengasts Reinhard Hauff: JANIS JOPLIN zeigt sich in der Frankfurter Jahrhunderthalle als Ausnahmekünstlerin ohne Berührungsängste. Der Film ist ein Zeitdokument, das den Geist 68’er-Jahre konserviert hat – und nun auf dem Innenhof des Gasteig wieder freilässt. Die WILSON PICKETT SHOW hingegen macht die Piazza zu einer „Rock and Roll Hall of Fame“.

Zu Beginn von Martin Scorseses THE LAST WALTZ raunt Robbie Roberston in die Kamera: „We wanted it to be more than a concert, we wanted it to be a celebration“. Wahre Worte, auf die sich das Münchner Publikum gefasst machen sollte: Ein fulminantes Fest erwartet es – laut und berühmt.

Britta Schönhütl

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