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IRANIANS JUST WANNA HAVE FUN

Oliver Armknecht
Oliver Armknecht

Der diesjährige Eröffnungsfilm THE PERSIAN VERSION folgt einer iranisch-amerikanischen Familie durch Glück und Tragik, lässt mit viel Humor Grenzen verschwinden und entwickelt sich dabei zu einer Entdeckungsreise, an deren Ende nichts mehr ist, wie es mal war.

IRANIANS JUST WANNA HAVE FUN

Nein, Cyndi Laupers feministische Gute-Laune-Hymne „Girls Just Want To Have Fun“ ist nicht unbedingt das Lied, das einem als Erstes einfallen würde, wenn von einer iranischen Familie die Rede ist. Und doch wird der 80er-Jahre-Klassiker in THE PERSIAN VERSION zu einem Symbol der Völkerverständigung und generationenübergreifenden Aussöhnung. Und das ist dringend nötig im Leben von Leila. Als Tochter iranischer Eltern geboren, die in den 1960ern in die USA ausgewandert sind, ist ihr Leben von klein auf von den unterschiedlichsten Einflüssen geprägt. Einflüsse, die nicht unbedingt kompatibel sind. Sie fühle sich wie ein Scheidungskind, beschreibt die Protagonistin ihre Situation, hin und her gerissen zwischen zwei Elternteilen, die sich abgrundtief hassen. Die sich sogar in einer Art Krieg miteinander befinden. Das klingt ernst, wird von ihr aber mit viel Ironie vorgetragen. Wenig später sehen wir sie in einem Rückblick auf ihre Kindheit zu dem obigen Lied tanzen, begleitet von zahlreichen anderen Menschen, die sich spontan zusammengefunden haben. Ein Hauch von Bollywood weht durch den Iran, wenn die Familie die Heimat besucht und Ländergrenzen auf einmal ganz weit weg sind.

Dabei darf einem schon ein wenig schwindlig werden. Regisseurin Maryam Keshavarz, selbst US-Amerikanerin mit iranischen Eltern, legt bei ihrem dritten Langfilm von Anfang an ein gewaltiges Tempo vor. Gemeinsam mit ihrem Alter Ego, der angehenden Filmemacherin Leila, stürzt sie durchs Leben, mal in dem einen Land, mal in dem anderen, springt durch Zeiten und durchbricht dabei auch schon mal die vierte Wand. Zunächst scheint es THE PERSIAN VERSION dabei vor allem um den humoristischen Aspekt dieser identitären Gratwanderung zu gehen. Eine klassische Culture-Clash-Komödie eben, wenngleich mit viel Energie und Mut zu inszenatorischen Spielereien. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Oder besser: Es ist eine von mehreren Wahrheiten, welche die Filmemacherin miteinander verwebt. „A true story“ sei der Film, lässt uns zu Beginn eine Texteinblendung wissen – nur um ein „sort of“ hinterherzuschieben.

The Persian Version Online2

Leila bleibt dabei die Verkünderin dieser Wahrheiten, richtet jedoch gleichermaßen den Blick auf ihre Familie. Vor allem die Geschichte ihrer Mutter Shirin wird dabei zu einer echten Herzensangelegenheit. Denn auch sie war einmal eine junge Frau, mit eigenen Wünschen und Träumen, von denen ihre Tochter nichts ahnt. Auf diese Weise wird THE PERSIAN VERSION zu einem generationenübergreifenden Porträt. Gemeinsam mit dem Publikum startet die Protagonistin eine Entdeckungsreise, an deren Ende nichts mehr so ist, wie es einmal war. Nicht einmal sie selbst. Das bescherte der Tragikomödie bei der Weltpremiere beim Sundance Film Festival 2023 stehende Ovationen und einen Publikumspreis. So eigensinnig die Menschen sind, denen wir hier begegnen, so verspielt-selbstbewusst ist die Inszenierung: Am Ende hat man das Gefühl, selbst Teil dieses bunt zusammengewürfelten Haufens geworden zu sein.

Dabei ist der Film kein reiner Wohlfühlfilm, der alles unter Zuckerguss begräbt. Tatsächlich kann diese verquerturbulente Familiensaga sogar richtig bitter sein, wenn das Leben den Protagonistinnen Knüppel zwischen die Beine wirft. Immer wieder wird die Stille zu einem Mittel, um dem Trauma zu begegnen und die Kontrolle zu bewahren. Umso schöner wird es, als die verlorene Stimme wiedergefunden wird. Wenn sie am Ende ein zweites Mal zusammenkommen, um eine ganz eigene Version von „Girls Just Wanna Have Fun“ zu interpretieren – diesmal als „Persian Version“ –, darf man wieder das Gefühl haben, dass alles gut wird. Dass die Welt ein Ort sein kann, an dem alle und alles zusammenkommt, Westen und Osten, Vergangenheit und Gegenwart, wo Kulturen sich ergänzen, anstatt sich auszugrenzen, und auch das mit den Geschlechtergrenzen nicht mehr so wichtig ist. Dass wir vielleicht häufiger durch die Straßen tanzen sollten, mit Familie und Freundeskreis, mit Fremden, wo immer sie auch herkommen mögen, und einfach schauen, wo wir am Ende landen.

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