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Focus on Ukraine

Redaktion
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Eine Filmreihe über eine widerständige Ukraine

Ein Text von Chris Schinke

Focus on Ukraine

Fortress Mariupol. Last day at Azovstal

Ein Moment in der Geschichte kann eine so tiefgreifende Zäsur darstellen, dass er nicht nur künftige Ereignisse prägt, sondern auch denen der Vergangenheit einen unverkennbaren Spin verpasst. Russlands Krieg gegen die Ukraine, der 2014 begann und sich 2022 auf das gesamte ukrainische Staatsgebiet ausweitete, stellt so eine Zäsur dar. Die Filme der diesjährigen Reihe FOCUS ON UKRAINE erzählen von der Notwendigkeit, sich individuell wie kollektiv zu diesem Konflikt zu verhalten – ob durch Dokumentation, Fiktionalisierung oder als erste filmische Reflexionen. Die Protagonist:innen sind Soldaten und Ersthelferinnen an der Front, vor der Realität Fliehende, Zeitreisende einer vielversprechenderen Zukunft sowie Künstler:innen, die ihre handwerklichen Fähigkeiten in den Dienst ihrer Nation stellen. Denn verteidigungs- und kriegsnotwendige Objekte wie Panzersperren bedürfen der handwerklich kompetenten Herstellung.  

Diese zwei Lang- und sieben Kurzfilme handeln nur teilweise direkt vom aktuellen Kriegsgeschehen. Es gibt viel mehr über die Ukraine zu erzählen. Das zeigt sich im klaren Willen zur Fiktionalisierung, auch das Doku­mentarische unterliegt einem dezidierten Form- und Gestaltungswillen. So entstehen filmische Möglichkeitsräume. Ob in der Vergangenheit oder einer erdachten Zukunft aus fiktiven Tagebucheintragungen – es gibt sie, die ungeschönten, unmittelbaren Bilder der Kriegsrealität. Doch werden keine reinen Ohnmachtsbilder fabriziert, sondern ein Ausdruck des künstlerischen wie praktischen Widerstands gegen die russische Besatzung. Sei es in Mariupol, Kyjiw, in der Nähe von Bakh­mut oder den nördlichen Grenzgebieten – die Revolte zeigt sich auch in klein erscheinenden Widerstandsakten, die eine stille und poetische Kraft entwickeln. 

Fragments Of Ice Online2 Neu

Fragments of Ice

A Poem For Little People Online1

A poem for little people

Cinéma-Vérité-Blicke deuten auf die Verwundbarsten im Land. Besonders der Schmerz der Alten, die Haus und Heimat hinter sich lassen müssen, wird greifbar. Diese Bilder zeigen, wie weltfremd die deutsche Debatte um Waffenlieferungen für die Ukraine ist. Die Sirenen des Luftalarms sind in der Reihe ein wiederkehrendes und allgegenwärtiges Motiv. „My land, my homeland, I wish you a peaceful sky”, heißt es an einer Stelle. So sehr ist der Luftalarm zur Routine des Landes geworden, dass seine Einwohner:innen nicht mehr konsequent den Schutzbunker aufsuchen. Die Realität bringt auch Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht hervor. Der Blick auf das Foto eines Apartment-Gebäudes, in dem man einst gelebt hat, macht fassungslos, je länger man die Rauchsäule betrachtet, die ein zerstörtes Nachbarhaus markiert. In Räumen, wo einst gelebt wurde, kann aus heutiger Perspektive nur gebangt werden.

Einzelne Erinnerungen widersetzen sich dem gegenwärtigen Geschehen fast trotzig. Manch eine Dokumentation des Alltags kommt wie eine Flaschenpost aus einer vergegangenen Ära daher. Die Bilder erzählen von einer Sehnsucht nach dem Westen und vom Selbstverständnis, Teil von ihm zu sein. Zudem wird hinterfragt, wie es um die Fähigkeit des Films bestellt ist, die Zeit einzufangen. Wie eingefroren scheint sie in mancher Einstellung. Doch es existieren auch Momente, die sich dem fotografischen Rahmen entzogen haben: der Raum des Unerzählten, des zu Erzählenden und des vielleicht Nichterzählbaren. In einem Erinnerungsfragment heißt es treffend: „The past, like the future, is unattainable. The end of history never happened.”

Die Reihe FOCUS ON UKRAINE wurde kuratiert von den Filmemacher:innen Mila Zhluktenko und Daniel Asadi Faezi in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Filmkollektiv Babylon’13.  Weiterer Föderer ist die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit/Thomas-Dehler-Stiftung. Im Rahmen der Beergarden Convention werden fünf ukrainische Projekte in Entwicklung am 01. Juli 2024 im Amerikahaus vor einem Fachpublikum gepitched.

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Union und der International Renaissance Foundation im Rahmen des Projekts „European Renaissance of Ukraine“ realisiert. Der Inhalt liegt in der ausschließlichen Verantwortung der Autor:innen und spiegelt nicht die Ansichten der Europäischen Union oder der International Renaissance Foundation wider.

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