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Der stille Star

Oliver Armknecht
Oliver Armknecht

Alba Rohrwacher erhält den CineMerit Award für ihre Verdienste um das Kino

Der stille Star

So richtig weiß Adelina nicht, wie sie mit dem Kompliment umgehen soll. Sie sehe so gut aus, lässt sie ihre Schwiegermutter wissen, zu deren Geburtstag die gesamte Familie zusammengekommen ist. Die Stimmung ist gut, lediglich der Pfau von Alma, der Tochter Adelinas, sorgt für kleinere Irritationen: Schön ist er und doch auch fehl am Platz. So wie sich Adelina deplatziert fühlt, als sie selbst in den Mittelpunkt rückt. Verlegen greift sie sich ans Ohr, lässt etwas verloren den Blick schweifen, unschlüssig, wo sie überhaupt hinschauen soll. Worte hat sie in dem Moment keine.

Worte braucht auch Alba Rohrwacher nicht, um diese Szene in DAS PFAUENPARADIES (2021) zu spielen. Wer ihre bisherige Laufbahn verfolgt hat, für den ist das keine Überraschung. Die italienische Schauspielerin hat in ihrer inzwischen zwanzig Jahre umfassenden Karriere schließlich schon oft bewiesen, dass sie viel sagen kann, ohne etwas verbal ausdrücken zu müssen. Damit ist sie die Idealbesetzung für dieses Drama, bei dem sich viel darum dreht, wie und ob wir überhaupt miteinander kommunizieren. Und um Gefühle, die hinter der schönen Fassade versteckt liegen.

Das Pfauenparadies Online1(C) 2021 Vivo Film Match Factory Productions

Alba Rohrwacher in DAS PFAUENPARADIES

Wenn Alba Rohrwacher nun in München den CineMerit Award verliehen bekommt, ist das eine Art Heimspiel für sie. Immer wieder war sie mit ihren Filmen beim FILMFEST MÜNCHEN zu Gast, viele ihrer Werke liefen hier beim Festival als deutsche Premiere. Aber auch in den Kinos ist sie präsent wie kaum eine andere Schauspielerin Italiens. Allein dieses Jahr ist sie in drei Filmen zu sehen. In ihrer Heimat gehört sie ohnehin zu den ganz Großen, wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Ob nun der David di Donatello, der bekannteste Filmpreis ihres Landes, der Nastro d’argento oder der Globo d’oro, auch als Italienischer Golden Globe bekannt – sie alle zieren inzwischen ihren Trophäenschrank.

Doch so groß die künstlerischen Erfolge Rohrwachers sind: Das hätte alles ganz anders kommen können. Sie versuchte sich zunächst an einem Medizinstudium, doch erst als sie auf die Bühne trat und in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfte, fand sie einen Weg, sich auszuprobieren und dadurch auch sie selbst zu sein. Alba Rohrwacher ist eine wandelbare Schauspielerin, spielt mal sanfte, mal starke Rollen, sucht dabei auch nach sich selbst. Ihre Figuren sind dabei selbst auf der Suche, befinden sich oft in Lebenskrisen. Es sind Menschen, die durch die Welt streifen, schauen, zweifeln, verzweifeln.

In dem Drama DIE EINSAMKEIT DER PRIMZAHLEN (2010) lernen wir sie beispielsweise als junge Frau kennen, Alice, die an den Folgen eines Skiunfalls leidet. Sie hinkt, körperlich wie emotional, kommt nicht so wirklich voran. Die eigentliche Tragik liegt jedoch in ihrer großen, unvollendeten Liebe zu Mattia. Immer wieder sind sich die beiden nahe und finden doch nie ganz zueinander – wie Primzahlen, die nur durch eins und sich selbst geteilt werden können. In HUNGRY HEARTS (2014) kommen zwei Menschen hingegen zunächst durchaus zusammen. Glücklicher ist dieses Paar aber am Ende auch nicht. Vielmehr entdecken sie den Horror der trauten Zweisamkeit und den Wahnsinn des Elternseins.

Auch wenn Dramen ein dankbares Ventil für ihre Ausdruckskraft sind: Alba Rohrwacher ist auch in Komödien zu sehen. Einer ihrer bekanntesten Filme ist PERFETTI SCONOSCIUTI (2016). Der Film um ein paar Freund:innen, die einen Abend lang alle Textnachrichten auf ihren Handys laut vorlesen, hält den Rekord für die meisten Remakes, in Deutschland wurde der Stoff unter dem Titel DAS PERFEKTE GEHEIMNIS (2019) ein Kino-Hit. Doch das Original stammt eben aus Italien. Alba Rohrwacher bewies ihr komisches Talent in dieser Farce, die das Alltägliche und das Absurde miteinander verbindet.

In eine märchenhafte Richtung gehen die Filme, die sie mit ihrer jüngeren Schwester, der Regisseurin Alice Rohrwacher, gedreht hat. Zweimal haben sie bislang zusammengearbeitet, zuerst bei LAND DER WUNDER (2014), dann bei GLÜCKLICH WIE LAZZARO (2018). Beide Filme handeln von Menschen, die in einem sehr eigenen Kosmos leben, sich dann jedoch mit ihrer Außenwelt befassen und deren Gesetze lernen müssen. Mit viel Sinn für Poesie und Magie, aber auch für skurrile Situationen nehmen einen die Rohrwachers mit auf zwei wundersame Reisen, deren Zauber lange nachwirkt.

Alba Rohrwacher hat aber nicht nur mit ihrer Schwester Alice mehrfach zusammengearbeitet. Mit Laura Bispuri, der Regisseurin von DAS PFAUENPARADIES, hatte sie beispielsweise zuvor schon die Filme SWORN VIRGIN (2015) und MEINE TOCHTER (2018) gedreht. Ein Zufall ist das nicht, dass in ihrer Filmografie mehrere solcher langlebiger Kooperationen zu finden sind. Tatsächlich sind es für Alba Rohrwacher gerade die zwischenmenschlichen Begegnungen, die sie in der Ausübung ihres Berufs maßgeblich geprägt haben. Kino, das ist bei ihr eine echte Gemeinschaftserfahrung, ob nun am Set oder vor der Leinwand, mit leuchtenden Kinderaugen oder mit dem erfahrenen Blick der Erwachsenen.

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