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Meisterhaft komplex

Antonia Mahler
Antonia Mahler

Das FILMFEST MÜNCHEN ehrt Schauspielerin Barbara Sukowa mit dem CineMerit Award für ihre Verdienste um das Kino. Im Rahmen der Preisverleihung wird ihr neuester Film DALÍLAND gezeigt, in dem sie Gala Éluard Dalí, die Ehefrau des berühmten Malers, verkörpert.

Meisterhaft komplex

Foto: Matt Carr

Rot geschminkt die schmalen Lippen, ein dunkles Kostüm, das Haar sauber gesteckt: Gala Dalí, eigentlich die Ehefrau und Muse des Künstlers, erscheint wie eine strenge Gouvernante. Der weltbekannte Dalí kauert auf dem gefliesten Küchenfußboden seiner Strandvilla an der Costa Brava und weint wie ein Kind. Jammernd schnieft der Siebzigjährige, gespielt von Sir Ben Kingsley, bis sie endlich auftaucht: seine Gala, berühmt für ihre Geldgier, ihre außerehelichen Affären und ihren immensen Einfluss auf den größten Maler seiner Zeit.

Maestro Dalí hat sich in den Finger geschnitten und nun laufen die Tränen der Angst, die Wunde könne sich mit Tetanus infizieren. Nur Gala, aus den Armen des Geliebten geholt, darf ihn trösten. Sie betritt die Küche. Eben noch unterkühlt, geradezu entzaubert, kniet sie nun neben ihrem Mann auf dem Boden und pustet. Sie küsst sein Wehwehchen, streichelt zart seinen Rücken. Die Melodie ihrer Stimme erklingt wie die einer Mutter, die dem Kind vor allem dadurch Trost spendet, dass sie seine Schmerzen als wichtig anerkennt.

Schon in kleinen Momenten von DALÍLAND kann Barbara Sukowa ihre Figur Gala als überraschend widersprüchlich und dennoch authentisch präsentieren. Eben saß Gala noch im Auto mit dem jungen Assistenten James. Seine Perspektive führt durch den Film und blickt auf das Genie Salvador Dalí, der in den Siebzigerjahren eine Ausstellung in New York vorbereitet. „Warum hat Dalí eine alte Frau?“, schimpft Gala über die wertenden Blicke der Amerikaner. Es ist ein Film über zwei Eitle, die einander daran erinnern, dass sie alt sind. Nach 50 Jahren Ehe unvermeidlich.

Im echten Leben war Gala zehn Jahre älter als Dalí, geboren 1894 im russischen Kaiserreich. Barbara Sukowa zeigt uns Gala als eine stolze, sexuell befreite Frau, die dennoch mit dem Altern kämpft. Sie verleiht ihr eine Nahbarkeit, die ihr Charakter nicht selbstverständlich mitbringt. So dürfen wir erahnen, wie Jahrzehnte mit einem fordernden Malergenie gewesen sein können.

Daliland
Daliland Online2

Barbara Sukowa als Gala Dalí

Barbara Sukowa ist selbst mit einem Künstler aus New York verheiratet. Geboren 1950 in Bremen, zog sie vor dreißig Jahren nach Brooklyn. Ihre Söhne aus früheren Beziehungen nahm sie mit, bekam noch einen weiteren, inzwischen gibt es auch eine Enkeltochter. Sich für viele Wochen Filmdreh von ihren Kindern zu trennen, sei ihr immer schwergefallen. Selbst Margarethe von Trotta, mit der sie viele Projekte realisierte, habe da Überzeugungsarbeit leisten müssen, erzählt Barbara Sukowa 2020 im Tagesspiegel. Schön eigentlich, auf eine Filmographie aus so wohlüberlegten Highlights blicken zu können.

Charakterdarstellerin war Barbara Sukowa schon in den Siebzigern. Nach der Schauspielausbildung hatte sie bereits zehn Jahre auf der Bühne Karriere gemacht, bevor sie mit den Fassbinder-Filmen BERLIN ALEXANDERPLATZ und LOLA Anfang der Achtziger zum deutschen Filmstar wurde. Ein bisschen Marilyn Monroe habe er in ihr gesehen, und die mochte er sehr, hat Barbara Sukowa vor Jahren der Zeit berichtet. Auch singend und ein wenig kindlich brillierte ihre Lola auf der Nachtclub-Bühne der „Villa Fink“ und in den Armen von Armin Müller-Stahl. Fassbinders Nachkriegs-Interpretation der Lola aus DER BLAUE ENGEL, Marlene Dietrichs Aufstiegsrolle in den Schauspielolymp, punktet wieder mit langen Beinen und Singstimme. Aber eben nicht nur – die Lola im Film ist tatsächlich eine Hure und eine Heilige. Eine Mutter, Tochter, Ehefrau und Geliebte, von allem ein bisschen. Sukowa setzte damit den Grundstein für eine große Filmkarriere, die stets der Vielschichtigkeit weiblicher Figuren verschrieben sein würde.

Rosa Luxemburg Magazin2
Rosa Luxemburg Magazin1

Barbara Sukowa zusammen mit Hannes Jaenicke in ROSA LUXEMBURG

Wie auch in ROSA LUXEMBURG, wo eine Frau ganz nach ihrem Intellekt und ihren politischen Überzeugungen handelt. Kein Gefängnis scheut sie, stellt ihr privates Schicksal hinter ihren Glauben an die Arbeiterbewegung, darf dennoch thematisieren, dass sie sich ein Kind wünscht, Liebe empfinden oder Wut. Eben keine Heilige, keine Projektionsfläche. Die Frau nicht als Männeropfer, sondern als Denkerin zu zeigen, brachte Barbara Sukowa 1986 in Cannes den Preis als beste Darstellerin und war erst die zweite von bisher sieben Zusammenarbeiten mit der Regisseurin Margarethe von Trotta. Große weibliche Vorbilder blieben ein Schwerpunkt dieses kreativen Frauen-Teams: Es folgten Filme über die Universalgelehrte Hildegard von Bingen und die Philosophin Hannah Arendt.

2021 gewann Barbara Sukowa als erste Deutsche den Prix Lumière als beste Darstellerin, gemeinsam mit ihrer Kollegin Martine Chevallier, für den französischsprachigen Film WIR BEIDE. Ein beachtlich genaues Debüt des jungen Italieners Filippo Meneghetti. Darin plant ein altes lesbisches Paar, die französische Kleinstadt endlich Richtung Rom zu verlassen, doch eine der beiden hat erwachsene Kinder, die seit zwanzig Jahren nichts von der Beziehung ihrer Mutter wissen. Immer wieder scheitert Mado, gespielt von Martine Chevallier, daran, ihrer Familie die Wahrheit über ihre „befreundete Nachbarin“ zu erzählen. Ein Schlaganfall macht die Aussprache sowie die Umzugspläne plötzlich unmöglich und der Film wechselt an diesem Punkt die Hauptfigur.

Wir Beide Online1

Nun steht Barbara Sukowas Nina im Zentrum der Geschichte. Was soll sie nur tun? Ihre Lebenspartnerin liegt im Krankenhaus, ist schließlich auf Pflege angewiesen und die Angehörigen wissen nichts über den Status und die tiefe Verbundenheit der beiden Frauen. Natürlich hat Nina einen Schlüssel zu Mados Wohnung, ihr eigenes Apartment auf derselben Etage steht halb leer, haben die Frauen doch schon lange den Alltag und das Bett geteilt. Nun klebt Nina an ihrem Türspion und beobachtet, wie die Pflegerin Mado im Rollstuhl zum Einkaufen schiebt. Das ist herzzerreißend, aber Nina verharrt nicht hilflos, sondern findet immer wieder erfolgreich den Weg zu Mado, und Geheimnisse kommen nach und nach zu Tage. Die Eskalation mit der Familie bleibt unvermeidlich. Es ist ein Liebesfilm, der sich nicht mit dem Alter oder der sexuellen Orientierung seiner fabelhaften Protagonistinnen aufhält, sondern die richtigen Fragen über komplizierte Lebenswege stellt und den Raum hat für echte Charaktere.

In der Kunst und in der Gesellschaft wird nach wie vor für die Gleichberechtigung der Frau und aller unterrepräsentierten Gruppen gekämpft, die nur ihre Nische oder eine Publikumserwartung mit Attraktivität oder Clownerie bedienen dürfen. Wie wäre es, diese Rollen ebenso widersprüchlich und bedeutsam anzulegen wie die bekannten männlichen, weißen Hauptfiguren? Barbara Sukowas Karriere ist ein Beispiel dafür, dass es sie natürlich gibt, die diversen Rollen und die relevanten Geschichten, die jenseits der ausgetretenen Pfade verlaufen. Eine Frauenfigur im Film wird ja nicht stark dadurch, dass sie im Drehbuch einen Beruf hat. Eine Figur ist stark, wenn sie eine Persönlichkeit hat, Ziele, Zweifel, Fehler und besonders, wenn sie dabei von Barbara Sukowa gespielt wird.

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