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Vision statt Tradition

Redaktion
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In diesem Jahr ehrt das Filmfest Künstlerinnen, die mit neuen Visionen die (Film)Kunst bereichern und eröffnet die Geburtstagsausgabe des Festivals mit einer turbulenten, iranischen Familiensaga

Vision statt Tradition

Der diesjährige Eröffnungsfilm THE PERSIAN VERSION, ein generationenübergreifendes Porträt, erzählt die Geschichte von Leila, einer Tochter von iranischen Eltern. Diese sind in den 1960er-Jahren in die USA ausgewandert. Wie das Scheidungskind zweier Eltern, die sich hassen, fühle sie sich – hin- und hergerissen zwischen den beiden Kulturkreisen. Regisseurin Maryam Keshavarz, die den Film „sort of“ auf ihrer eigenen Lebensgeschichte basiert hat, legt von Anfang an ein gewaltiges Tempo vor und bricht eine klassische Culture-Clash-Komödie durch ihren Mut zu inszenatorischen Spielereien auf. Sie stellt das Erwachsenwerden von Leila und ihrer Mutter Shirin gegenüber und flechtet immer wieder Erinnerungen an den Iran mit ein. Die Tragikomödie schafft dabei die Gratwanderung zwischen Wohlfühlfilm und Momenten bitterer Realität. Das FILMFEST MÜNCHEN freut sich darauf, die Regisseurin sowie ihre beiden Hauptdarstellerinnen bei der Eröffnung am Freitag den 23. Juni im HP8 der Isarphilharmonie begrüßen zu dürfen. Außerdem wird der Film noch an zwei weiteren Terminen für das Publikum gezeigt werden.

Barbara Sukowa

CineMerit-Preisträgerin Barbara Sukowa

Eine Frau, die ihre Heimat ebenfalls vor Jahren verlassen hat und ihr neues zu Hause in New York gefunden hat, ist die diesjährige CineMerit-Preisträgerin Barbara Sukowa. Die vielschichtige Schauspielerin, die bereits in den 1980er-Jahren mit den Fassbinder-Filmen BERLIN ALEXANDERPLATZ und LOLA ihren Durchbruch feierte, besticht seitdem mit einer sicheren Auswahl an komplexen und stets sehr menschlichen Figuren, deren Höhen und Tiefen wir auf der Leinwand miterleben können. Die Schauspielerin persönlich erleben, können Sie im Filmmakers Live!-Gespräch mit ihr. Im Zuge der Preisverleihung wird auch der neue Film DALÍLAND gezeigt, in dem sie neben Sir Ben Kingsley Salvador Dalís Gattin Gala verkörpert – eine stolze, sexuell befreite Frau, die dennoch mit ihrem Alter und ihrer 50-jährigen Ehe zu kämpfen hat. Neben DALÍLAND kann man die diesjährige Preisträgerin auch noch in früheren Filmen bewundern. Das Filmfest zeigt Margarethe von Trottas ROSA LUXEMBURG von 1986, der Barbara Sukowa für die Rolle der historischen Figur, die Intellekt und politischen Überzeugungen ins Zentrum ihres Lebens stellte, den Preis als beste Darstellerin in Cannes einbrachte. Als erste Deutsche wurde Sukowa, gemeinsam mit ihrer Kollegin Martine Chevallier, außerdem 2021 mit dem Prix Lumière für ihre darstellerischen Leistungen in WIR BEIDE ausgezeichnet. Darin sind Nina und Mado schon seit zwanzig Jahren ein Paar, doch Mados erwachsene Kinder wissen nicht, dass ihre Mutter lesbisch ist, und kennen Nina nur als Nachbarin. Als Mado einen Schlaganfall erleidet, wird Nina in die Rolle einer Zuschauerin bei der Pflege ihrer großen Liebe gedrängt. Dabei schafft der Liebesfilm die Suspense-Stimmung eines Thrillers einzufangen, wenn Nina zum Beispiel am Türspion das Geschehen um sich herum mitansehen muss.

Daliland Online2

Dalíland

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Rosa Luxemburg

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Wir beide

Jessica Hausner Online

Jessica Hausner

Eine besondere Stimmung hinter Türspionen schafft auch Jessica Hausner in ihrem zweiten Film, dem Horrorfilm HOTEL von 2004. Der österreichischen Regisseurin wird beim 40. FILMFEST MÜNCHEN eine Retrospektive gewidmet: Alle sechs Langfilme der Regisseurin mit ihrer ganz eigenen Bildsprache werden während des Festivals gezeigt. Außerdem wird es ein Filmmakers Live!-Gespräch mit ihr geben. Für Jessica Hausner war früh klar, dass das Dasein als österreichische Regisseurin einfach keine Perspektive wäre und sucht daher immer wieder nach Wegen mit der Erwartungshaltung eines internationalen Publikums zu spielen. Nach ihren ersten beiden Filmen LOVELY RITA (2001), eine in erratischen Momentaufnahmen erzählte Geschichte über eine stets aneckende Vierzehnjährige, die schließlich zu gewalttätigen Mitteln greift, und dem Horrorfilm HOTEL (2004), der auf elliptische Erzählweise Thrill ganz ohne Monster inszeniert, konnte sie mit LOURDES (2009) die österreichischen Grenzen hinter sich lassen. Darin begibt sich eine im Rollstuhl sitzende Frau auf eine Pilgerreise an den weltbekannten Wallfahrtsort und erfährt eine Wunderheilung, die womöglich gar keine ist. In AMOUR FOU (2014) verarbeitet sie die Liebesgeschichte Heinrich von Kleists als ein Rollenspiel, das mit allgemeinen Erwartungen an Liebe spielt und diese als reines Dekor entlarvt. Hausner englischsprachiges Debüt LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT (2019) zeigt Jack Finnleys Sci-Fi-Roman INVASION OF THE BODY SNATCHERS in einem neuen Gewand und hinterfragt dabei das gängige Bild von Mutterschaft. Zu guter Letzt wird ihr neuer Film CLUB ZERO gezeigt, der gerade in Cannes seine Weltpremiere feierte. Hier spielt Mia Wasikowska eine Lehrerin an einem Eliteinternat, deren Unterricht über bewusste Ernährung drastische Auswirkungen auf ihre Schüler:innen hat.

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Shu Lea Cheang

Im Wettbewerb CineRebels findet ihr eine Weltpremiere der ganz besonderen Art. Zu sehen ist der neue Film UKI der Künstlerin Shu Lea Cheang. Darin versucht die Sexarbeiterin und Replikantin Reiko im Jahr 2060 die Kontrolle über ihren digitalen Körper zu gewinnen, nachdem sie auf der Mülldeponie für Elektroschrott gelandet ist. Schon seit Jahrzehnten beschäftigt sich Shu Lea Cheang mit Körperformen, die sie durch die unterschiedlichsten Welten von queerem Kino, Science-Fiction und Pornografie schickt. Dank ihrer Vorreiterstellung in der queeren Medienkunst ist die in Taiwan geborene Künstlerin auch sehr stark in unserer diesjährigen Kooperation mit dem Museum Brandhorst vertreten: URANIANS ist ein von Künstlerin A.L. Steiner präsentiertes und kuratiertes Film- und Videoprogramm über queere und weiblich gelesene Sexualität. Mit sechs Langfilmen und einem Kurzfilmprogramm, darunter auch die zwei Langfilme I.K.U. (2000) und FLUIDØ (2017) und die zwei Kurzfilme SEX BOWL (1994) und SEX FISH (1993) von Shu Lea Cheang, bietet URANIANS einen Einblick in eine Kunst, die den Forderungen nach heteropatriarchaler Unsichtbarkeit in der Sichtbarkeit auf der Leinwand entgegenwirkt. Besonders freut sich das FILMFEST MÜNCHEN darauf, die Kuratorin A.L. Steiner sowie Shu Lea Cheang, die das Festival mit einer Hommage ehrt, in München begrüßen zu dürfen. Bei einem Filmmakers Live!-Gespräch am 30. Juni um 18.00 Uhr im Museum Brandhorst werden beide über das Thema mit den weiteren Gästen Bruce LaBruce und Jürgen Brüning diskutieren. Zu Beginn des Filmmakers Live! wird A.L. Steiners und A.K. Burns‘ Film COMMUNITY ACTION CENTER (2010) kostenlos gezeigt.

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UKI

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FLUIDØ

Das Filmfest-Team ist stolz darauf, dieses Jahr Künstlerinnen ehren zu dürfen, die während ihrer Karrieren immer wieder mit bestehenden Traditionen gebrochen haben und ihre eigene Sprache und ihren eigenen Weg gewählt haben, und deren Visionen zwischen dem 23. Juni und 1. Juli dem Publikum präsentieren zu können.

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