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Eine Melange aus Ironie und Groteske

Tobias Obermeier
Tobias Obermeier

Jessica Hausner zählt mit ihrem strengen Stilwillen und ihrem klugen Spiel mit Genre-Versatzstücken zu den profiliertesten Regisseur:innen Österreichs. Das FILMFEST MÜNCHEN widmet ihr eine Retrospektive und zeigt den neuen Film CLUB ZERO als Deutschlandpremiere.

Eine Melange aus Ironie und Groteske

Foto: Evelyn Rois

Der Autorenfilm hatte keinen leichten Stand damals im Österreich der Neunzigerjahre. An den Kinokassen dominierten vor allem kommerziell orientierte Komödien für den heimischen Kinomarkt wie die beiden Filme MUTTERTAG (1993) oder HINTERHOLZ 8 (1998) von Harald Sicheritz. Die wenigen künstlerisch anspruchsvollen Filme fanden kaum Beachtung und sahen sich oftmals auch noch heftiger Kritik aus der Öffentlichkeit ausgesetzt. In einem Boulevardblatt hieß es gar, Michael Haneke, der Maestro des österreichischen Kinos, verschwende Steuergelder, da sich sein Film 71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLS (1994) finanziell nicht rechnete. Aber es tat sich was in den folgenden Jahren. Das sah auch die damals 29-jährige Jessica Hausner so, als sie 2001 im Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard meinte, „dass sich viel zum Besseren geändert hat. Früher hat das oft gestimmt: Österreichischer Film ist langweilig.“

Hausners erster Langfilm LOVELY RITA, der seine Premiere 2001 in Cannes feierte, zeugt zweifellos von einer Aufbruchstimmung unter Österreichs damaligem Regienachwuchs. Der Film erzählt in erratischen Momentaufnahmen die Geschichte der 14-jährigen Rita, die mit ihrer verschrobenen und teilnahmslosen Art nicht nur bei ihren Mitschüler:innen im katholischen Gymnasium aneckt. Selbst der Vater erträgt den apathischen Blick der Tochter nicht. „Was hast denn schon wieder für ein Gschau?“, ist das Einzige, was er ihr beim Abendessen zuraunt. In ihren pubertären Ausbruchsversuchen aus der kleinbürgerlichen Enge am Wiener Stadtrand greift Rita zu drastischen und am Ende auch gewaltvollen Mitteln. Der Film bietet dabei kaum Erklärungen. Rita und ihr Verhalten bleiben ein Rätsel.

 Nicht nur die Geschichte von LOVELY RITA war ungewöhnlich. Jessica Hausner und ihr Kameramann Martin Gschlacht kreierten zudem eine gewollt trashige Fernsehästhetik, um gleichermaßen die Erwartungen an einen Kinofilm zu konterkarieren und das Publikum herauszufordern. Der Cast bestand nur aus Laiendarsteller:innen. Diese stilistische Unerschrockenheit kam nicht von ungefähr. Hausner studierte an der Filmakademie Wien und gehörte dort zu einer Gruppe Studierender, die in den 1990ern mit ihren mutigen und formal anspruchsvollen Kurzfilmen begannen, peu à peu das österreichische Kino zu erneuern. Die Filmkritik fand für die Gruppe schnell eine passende Bezeichnung: Die Nouvelle Vague Viennoise war geboren. Mit einigen von ihnen (Martin Gschlacht, Barbara Albert und Antonin Svoboda) gründete Hausner 1999 die Produktionsfirma coop99.

Ebenso wie Michael Hanekes oder auch Ulrich Seidls fordernde und provokante Filme stieß auch dieser Innovationsdrang aus der Hochschule im konservativen Österreich zunächst auf wenig Begeisterung. Für Hausner war früh klar, dass sie mit ihrer Vorstellung von Film international denken musste. In einem späteren Interview mit der Filmakademie Wien erzählte sie, „dass dieses Dasein als österreichische Regisseurin einfach keine Perspektive war. Und das hatte schon auch mit der damals mangelnden Wertschätzung für Seidl und Haneke zu tun.“

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In ihrem zweiten Film HOTEL (2004) wendet sich Hausner erstmals dem Genrekino zu. Ihr Horrorfilm ohne Monster gleicht einer faszinierenden Versuchsanordnung, in der sie der Frage nachgeht, wie sich Angst nur durch filmische Mittel und ohne das Erzählen einer kohärenten Geschichte erzeugen lässt. Der Film spielt in einem Hotel in den Wäldern der österreichischen Alpen und handelt von einer neuen Rezeptionistin, die feststellt, dass ihre Vorgängerin auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Die elliptische Erzählweise und das offene Ende stießen bei der Premiere in Cannes auf ein geteiltes Echo. Hausner sah sich in ihrer Suche nach einer neuen Filmsprache mit der Frage konfrontiert, wie sehr das Publikum in seiner Erwartungshaltung mit sich spielen lässt.

Nach einer mehrjährigen Pause, in der sie unter anderem nach Berlin ging und ihrer Regiekollegin Valeska Grisebach assistierte, kehrte sie 2009 mit ihrem dritten Spielfilm LOURDES zurück. In Hausners erster Arbeit außerhalb Österreichs spielt die Französin Sylvie Testud eine im Rollstuhl sitzende Frau, die auf einer Pilgerreise eine Wunderheilung erfährt, die womöglich gar keine ist. Als gütige Malteserschwester an ihrer Seite: Léa Seydoux in einer ihrer ersten Rollen. Der Film wurde am Originalschauplatz des französischen Wallfahrtsorts gedreht. Hausner behält ihren strengen Stilwillen bei, arbeitet aber verstärkt mit Dialogen, aus denen immer wieder ein subversiver Humor durchschimmert, wie sie auch selbst im Zuge des Kinostarts erzählte: „Ich habe viel an Jacques Tati gedacht. Auch Komiker meinen die Sache ja ernst. Und die Ironie war für mich eine Hilfe, das alles überhaupt erzählen zu können.“

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Lourdes

Die Filme des legendären Regisseurs Jacques Tati aus Frankreich sind auch in anderer Hinsicht eine große Inspiration für Hausner. Wie in Tatis Filmen bestehen ihre Szenen oft aus langen Einstellungen, in denen wie in einem Tableau Vorder- und Hintergrund gleichermaßen miteinander interagieren. Ein formales Spiel, das sie auch in ihrem nächsten Film weiterspinnt. In AMOUR FOU (2014) sucht der junge Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) hartnäckig eine Frau, mit der er durch einen Doppelselbstmord der Einsamkeit des Lebens entgehen kann. Das historische Setting und Kleists Biografie dienen dabei nur als Vehikel, um vom Rollenspiel der Erwartungen zu erzählen, in das wir Menschen uns nur allzu oft begeben. Kleists fast schon lächerliche Vorstellung von Liebe wird bei Hausner ebenso als reines Dekor entlarvt wie die gekünstelten Dialoge und die Extravaganz der Kostüme.

Jessica Hausners Filme beschäftigen sich immer wieder mit der Willensfreiheit des Menschen und seiner Manipulierbarkeit. So auch ihr englischsprachiges Debüt LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT (2019), das in den Hauptwettbewerb in Cannes eingeladen wurde. Ein cineastischer Ritterschlag, den erstmals eine österreichische Regisseurin erhielt. Der Film ist nach HOTEL ihr zweites Genrewerk. Angelehnt an Jack Finneys Sci-Fi-Roman „Invasion of the Body Snatchers“ und dessen zahlreiche Filmadaptionen erzählt LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT von einer alleinerziehenden Mutter, die als leitende Pflanzenzüchterin eine neue Art entwickelt, deren Duft Glück bringen soll. Während bei Finney Außerirdische für die Wesensveränderung der Menschen verantwortlich sind, ist es bei Hausner eine einfache Zimmerpflanze, die ihre Besitzer:innen scheinbar zu leeren Hüllen ihrer selbst macht. Aber wer könne schon die Wahrhaftigkeit von Gefühlen überprüfen? Emily Beechams Rolle hinterfragt zudem auf geschickte Weise das gängige Bild von Mutterschaft. Denn die Mutter liebt nicht nur ihr Kind, sondern auch ihre Arbeit respektive ihre Pflanzen. So heißt es an einer Stelle treffend: „Du bist eine gute Mutter, aber eine noch bessere Pflanzenzüchterin.“ Die britische Schauspielerin gewann für ihre Rolle den Preis als beste Darstellerin in Cannes.

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Little Joe  – Glück ist ein geschäft

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Club Zero

Hausner gehört mittlerweile zu den herausragendsten und international anerkanntesten Regisseur:innen aus Österreich. 2020 erhielt sie als erste Frau überhaupt eine Regieprofessur an der bis dato sehr männerdominierten Filmakademie Wien. 2021 wurde sie in die Jury in Cannes berufen. Zudem ist sie seit 2017 Mitglied der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences und dadurch bei den Oscars stimmberechtigt.

Dass Hausner zur ersten Liga des internationalen Autorenkinos zählt, beweist auch ihre zweite Einladung in den Hauptwettbewerb in Cannes, die sie für ihren neuen Film CLUB ZERO erhielt. In der Satire spielt Mia Wasikowska eine Lehrerin an einem Eliteinternat, deren Unterricht über bewusste Ernährung drastische Auswirkungen auf ihre Schüler:innen hat. Aus ersten harmlosen Ideen entwickelt sich schnell eine Eigendynamik aus Manipulation und Radikalisierung, derer die gut situierten Eltern nicht mehr Herr werden. Nach eigenem Bekunden stammt die Inspiration für den Film aus dem Märchen vom Rattenfänger von Hameln. Und wieder ist es Hausners gekonnte Mischung aus bitterer Ironie und groteskem Unwohlsein, die den Film samt seiner formalen Strenge so faszinierend macht. CLUB ZERO ist ein zynischer Kommentar auf unsere Gesellschaft, in der sich Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung zu einer Obsession entwickeln und Fakten zunehmend ihre Bedeutung verlieren. So fragt eine der Schüler:innen in ihrem Diätwahn, warum man wissenschaftliche Beweise überhaupt für etwas brauche, das offensichtlich funktioniere.

Mit ihrer Professur an der Filmakademie Wien, der wichtigsten Ausbildungsstätte des österreichischen Films, ist Jessica Hausner selbst zu einer Lehrerin an einer Eliteschule geworden. Von einer drastischen Auswirkung ganz anderer Art auf die Studierenden darf man ausgehen. Denn wer wäre besser dafür geeignet, dem Filmnachwuchs ästhetische Unerschrockenheit und künstlerische Eigenwilligkeit beizubringen, als eine Regisseurin, die genau dort vor über dreißig Jahren begann, den österreichischen Film zu erneuern?

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