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ES WIRD RICHTIG SCHÖN ÜBEL

Michael Stadler
Michael Stadler

Ausgetrocknete Städte, überflutete Planeten, Wunderpillen und Wunderpflanzen – beim Filmfest gibt es einige großartige Science-Fiction-Filme zu sehen, die uns die Gegenwart im Kino umso mehr wertschätzen lassen.

ES WIRD RICHTIG SCHÖN ÜBEL

Das Kino erlaubt sich immer wieder, einen Blick in die Zukunft oder in alternative Realitäten zu werfen, in Welten, die unserer mehr oder minder ähneln, in denen aber Dinge passieren, die einem nicht so ganz geheuer sind. Die man vielleicht gerade erahnt. Von denen man träumt. Oder albträumt.

Einige feine Science-Fiction-Filme, die in ferner oder naher Zukunft in den Kinos laufen werden, zeigen wir jetzt schon beim FILMFEST MÜNCHEN, wobei es einige dystopische Fantasien gibt, die man nicht so schnell vergessen wird. LAST CONTACT von Tanel Toom zum Beispiel entführt uns ins Jahr 2063, auf eine rostige Plattform im Ozean, der endlos erscheint, weil die Erde fast vollständig überflutet ist.

Eine vierköpfige Crew verharrt auf diesem letzten militärischen Außenposten eines Kontinents, der mit einem zweiten Kontinent im Clinch liegt. Ablösung ist nicht in Sicht. Was ist jenseits der Plattform geschehen? Die größten Konflikte entstehen dabei vor allem innerhalb der Crew, die auch, was die Darsteller:innen angeht, markant besetzt ist. Kate Bosworth und Thomas Kretschmann gehören zum Cast; Kretschmann und Regisseur Tanel Toom werden bei den zwei Vorführungen anwesend sein.

Mal gibt es zu viel Wasser, mal zu wenig. In Paolo Virzís SICCITÀ ist in Rom seit drei Jahren kein Regen mehr gefallen und auch der menschliche Umgang ist ausgetrocknet. Diese Zukunft soll nicht weit von unserer Gegenwart entfernt sein, tja. Die Leute dürsten – vor allem nach Erlösung aus dieser Situation. Ein Star-Ensemble, darunter Monica Bellucci, reißt uns mit in dieses großartig inszenierte Szenario.

Siccità Online2

Siccità

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Little Joe - Glück ist ein Geschäft

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UKI

Auf eine Mülldeponie für Elektroschrott anno 2060 lockt uns Shu Lea Cheang in ihrem neuen Film UKI, der bei uns im Rahmen der Hommage für die vielseitige Künstlerin uraufgeführt wird. Bei Cheang geht es weniger um Wasser als um Körpersäfte, die sie tüchtig fließen lässt (z.B. Ejakulat als Droge in FLUIDØ). In UKI werden zudem per Handshake und rote Pillen Orgasmen ausgelöst. Schöne Neue (Sex-)Welt? Shu Lea Cheang orientiert sich in ihren Cyberpunk-Visionen u.a. an berühmten Vorbildern: Für I.K.U., dem Vorgängerfilm zu UKI, ließ sie sich etwa von Ridley Scotts BLADE RUNNER inspirieren.

Eine gewitzt-fiese Variante des Sci-Fi-Klassikers INVASION OF THE BODY SNATCHERS hat Jessica Hausner mit LITTLE JOE - GLÜCK IST EIN GESCHÄFT gedreht, den wir im Rahmen der Retrospektive zu Ehren der österreichischen Regisseurin zeigen. Eine Pflanze wird da gezüchtet, die mit ihrem Duft die Menschen glücklich machen soll – bis das Glücksversprechen sich ins Gegenteil verkehrt. Einen Sprung in ein wohlhabenderes Milieu hat Itto, eine junge Frau aus einfachen Berber-Verhältnissen, in dem marokkanischen Sci-Fi-Thriller ANIMALIA geschafft. In ihrer Ehe fühlt sie sich jedoch eher isoliert und wird noch einsamer, als übernatürliche Ereignisse das ganze Land erschüttern und sie von ihrem Mann und dessen Familie getrennt wird. Hochschwanger muss sie nun ihren eigenen Weg finden – was vielleicht ein Glück ist?

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Animalia

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Paradise

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Divinity

Glück, ja, paradiesische Zustände – das wünscht man sich doch fürs Leben. Ein Blick ins PARADISE verspricht Boris Kunz (HINDAFING) allein schon mit dem Titel seines neuen Films. Und es klingt ja auch toll, dass sich Lebenszeit und damit verbunden mehr Jugend in nicht allzu ferner Zukunft kaufen lässt. Als ein glückliches Pärchen jedoch plötzlich mit Versicherungsansprüchen konfrontiert wird, die sie nicht bezahlen können, wird der Traum zum Albtraum und der Film von Kunz zum packenden Thriller.

Neben Jugend ist Unsterblichkeit ebenfalls ein heiß begehrtes Ding, auch wenn Freddy Mercury ja mal sang: „Who wants to live forever?“ In DIVINITY von Eddie Alcazar hat ein Wissenschaftler ein Serum, eben mit dem Namen „Divinity“, entwickelt, das die Sehnsucht nach dem ewigen Leben stillt. Sein Sohn hat nun die Kontrolle über das Wundermittel und treibt damit eher Schindluder. Die Menschheit könnte vernichtet werden, was böse klingt, aber beim Zusehen Spaß macht, allein schon, weil Stephen Dorff, Scott Bakula (der Zeitreisende aus der Serie QUANTUM LEAP!) und Bella Thorne mitspielen. Man blickt auf eine verkorkste Zukunft, fühlt sich gut unterhalten und noch recht sicher – im Kino.

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