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Im Meer der Möglichkeiten

Michael Stadler
Michael Stadler

Radikal, experimentell, überraschend, gegen den Strich gebürstet: Im neuen Wettbewerb CineRebels finden sich zehn aktuelle Produktionen, die die Grenzen des filmischen Erzählens austesten, sofern sie nicht das Kino sogar ein Stück weit neu erfinden. Am Ende des Festivals kürt eine dreiköpfige Jury den Gewinner des von AUDI gesponserten, mit 10 000 Euro dotierten CineRebels Award.

Im Meer der Möglichkeiten

Die beiden abgehalfterten Männer, die den alten Opernsänger Qiu Yu zu später Stunde heimsuchen, wirken auf den ersten Blick nicht gerade gefährlich. Auch ihre Namen, Ochsenkopf und Pferdegesicht, klingen harmlos, doch die Zwei entpuppen sich als Dämonen, die Qiu Yu mit ihrer Rikscha ins Jenseits befördern wollen. Vor der Reise lässt Qiu Yu seine Karriere vor dem inneren Auge Revue passieren, was keine kurze Affäre ist, sondern ein episches Unterfangen, denn im Rückblick entspinnt sich nicht nur die Geschichte eines verlausten Jungen, der sich früh in eine Theatergruppe integriert und zum zentralen Akteur mausert, sondern auch die jüngere Geschichte Chinas strömt vor unseren Augen vorbei. Im Fluss langer Kamerafahrten blickt Jiongjiong Qiu in seinem ersten Spielfilm A NEW OLD PLAY in die unruhige Vergangenheit seines Landes und lässt dabei ganz selbstverständlich das Theatralische ins Filmische gleiten: bildstark, ideenreich und bei allem politischen Ernst heiter augenzwinkernd.

Jury

Franziska Stünkel, Jovana Reisinger und RP Kahl

A NEW OLD PLAY ist ein Paradebeispiel für den frisch gebackenen Filmfest-Wettbewerb CineRebels. Eigenwillige Kinowerke werden hier gezeigt und gefeiert, Filme, die die abgetretenen Pfade des filmischen Erzählens wenig interessieren und viel lieber ästhetisch wie inhaltlich neue Wege gehen. Filmfest-Hauptsponsor AUDI hat dazu den mit 10 000 Euro dotierten CineRebels Award gestiftet. Eine dreiköpfige Jury, deren Mitglieder sich in ihrem künstlerischen Schaffen ebenfalls freigeistig und experimentierfreudig zeigen – Autorin und Regisseurin Jovana Reisinger, Drehbuchautorin und Regisseurin Franziska Stünkel, Regisseur RP Kahl –, bestimmt am Ende des Festivals den Gewinnerfilm.

Und die Drei haben wahrlich die Qual der Wahl, zwischen ganz unterschiedlichen Filmen, die jedoch der Wille eint, die Sehgewohnheiten des Publikums kraftvoll herauszufordern. Ähnlich wie Jiongjiong Qiu, der ursprünglich als bildender Künstler arbeitete und seine Kunstwerke weiterhin weltweit ausstellt, hat auch Regisseurin debbie tucker green einen starken Hang zum Theatralischen. Kein Wunder: Die Britin hat sich zunächst als Dramatikerin einen Namen gemacht, bevor sie 2014 mit SECOND COMING ihr Regiedebüt vorlegte. In ihrem neuen Film, EAR FOR EYE, verarbeitet sie ihr gleichnamiges Theaterstück zu einem Szenen-Mosaik über Alltags-Rassismus und Diskriminierungserfahrungen britischer und US-amerikanischer People of Color. In einem minimalistischen, in Schwarz gehaltenen Bühnen-Setting performen mehrere Schauspieler:innen die oftmals monologischen Texte. Unter den Darsteller:innen ist Lashana Lynch, die im letzten James-Bond-Film die neue „007“ spielte und sich hier in die Reihe aufrüttelnder Performances einreiht.

A New Old Play

A new old play

Ear For Eye Online1

ear for eye

Die Ausdrucksmittel des Theaters und des Kinos beherrscht auch der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, und zwar mit einer Virtuosität, die man sowohl in TCHAIKOVSKY’S WIFE (zu sehen in der Reihe CineMasters) als auch in seinem kurz zuvor entstandenen, bei den CineRebels bestens aufgehobenen Wunderwerk PETROV’S FLU bestaunen darf. Eine ganze Familie ist da vom Grippe-Virus infiziert und taumelt in einen cineastischen Fiebertraum, der so fantastisch ausgestattet ist wie manche der Opern, die Serebrennikov nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im deutschsprachigen Raum inszeniert. In PETROV’S FLU zeigt er sich erneut als regimekritischer Regisseur, der den brutalen Militarismus in seiner Heimat bereits in der ersten Sequenz des Films gnadenlos vor Augen führt.

Hinter den ästhetischen Experimenten der Reihe steckt oftmals ein rebellischer Geist, ein pochender politischer Impetus. In COOK F**K KILL prangert die slowakische Regisseurin Mira Fornay häusliche Gewalt an, wählt dafür die Form einer Groteske, in der eine Gruppe Hausfrauen sich zu einer Art griechischer Chor formiert, Geschlechteridentitäten im Fluss sind, der Tod keine Endstation ist und zwischendurch auch mal ein Frosch spricht. In LA VACA QUE CANTÓ UNA CANCIÓN HACIA EL FUTURO, dem Langfilmdebüt der Chilenin Francisca Alegría, singen die Kühe, aber auch eine Vielzahl von Fischen, die ans Ufer eines verschmutzten Flusses angespült wurden. Eine Totgeglaubte taucht aus dem Wasser auf und wirkt wie eine Öko-Prophetin, die kaum der Worte bedarf. Und nebenbei beinhaltet der Film das beeindruckende Kino-Debüt des nicht-binären Schauspieltalents Enzo Ferrada.

Cook Fuck Kill

cook f**k kill

La Vaca

la vaca que cantó una canción hacia el futuro

Petrovs Flu Online1

petrov's flu

 

 

Fago Fatuo Online2

Irrlicht

Ein furioses queeres Kinokunststück legt der Portugiese João Pedro Rodrigues mit IRRLICHT hin: Die „Amour fou“ zwischen zwei Feuerwehrmännern, der eine Ausbilder, der andere Auszubildender, führt zu ausgefeilten Tableaus und toll choreografierten Tanzszenen. Der Film blickt aus dem Jahr 2069 auf diese Gegenwart jugendlichen Experimentierens zurück – die CineRebels sprengen bei Bedarf auch die Grenzen von Zeit und Raum. So kann man nur staunen, wie die QUANTUM COWBOYS vom Arizona der 1870er sich in verschiedene Dimensionen katapultieren, in einer Mischung aus Western, Comic und kinematographisch in Bewegung gebrachter Quantenmechanik, spleenig inszeniert von Geoff Marslett.

Die bloße Realität ist manchen Filmemacher:innen einfach zu langweilig. Auf eine kafkaeske Reise in einen Mikrokosmos voll skurriler Typen nimmt der dänische Regisseur Jonas Kærup Hjort in seinem Langfilmdebüt THE PENULTIMATE mit. Und Pietro Marcello, zuletzt mehrfach preisgekrönt für seine Verfilmung von Jack Londons Roman Martin Eden, erzählt in L’ENVOL, ebenfalls nach einer literarischen Vorlage, ein zauberhaftes Volksmärchen, in dem eine junge Frau von einer Hexe prophezeit bekommt, dass sie eines Tages von Purpursegeln aus ihrem Dorf getragen wird. Eine Emanzipationsgeschichte mit einer rebellischen Protagonistin – das ist auch, last but definitely not least, GIULIA von Ciro De Caro. Die Titelheldin, gespielt von Rosa Palasciano, die gemeinsam mit Regisseur De Caro das Drehbuch verfasste, hat, auch pandemiebedingt, ihre Arbeit verloren, driftet durchs Leben und bildet mit zwei Männern eine aberwitzige Schicksalsgemeinschaft, der man sehr gerne durch einen hitzigen Sommer folgt: von den Straßen Roms bis hin zum Strand, ins Meer.

Ein Meer von Möglichkeiten bietet auch das Kino, wenn man sich von seinen Konventionen loslösen kann. Die Regisseur:innen in diesem Wettbewerb tauchen mutig ein.

Quantum Cowboys Online1

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L'envol Online

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The Penultimate Online1

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