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Teilhabe im Film Vol.2 – Sensibilisiert euch!

Bianca Jasmina Rauch
Bianca Jasmina Rauch

Bianca Jasmina Rauch von der Filmlöwin-Redaktion hat die Tagung Teilhabe im Film Vol. 2 besucht und schildert ihre Eindrücke. Vielen Dank für diesen Gastbeitrag darüber, was in den drei Tagen im November besprochen wurde.

Teilhabe im Film Vol.2 – Sensibilisiert euch!

Kurz bevor Bayern Anfang Dezember im großen Schneechaos unterging, fand in der Gemeinde Tutzing am Starnberger See zwischen 28. und 30.11. die Tagung „Teilhabe im Film (Vol. 2)“ statt. Bereits im März 2022 hatte das Filmfest München gemeinsam mit der Evangelischen Gemeinde Tutzing die erste Ausgabe von Teilhabe im Film veranstaltet. Nun, eineinhalb Jahre später, ging es einerseits darum, den Blick auf ein „Was bisher geschah“ zu werfen, andererseits neue Initiativen und Personen vorzustellen und zu vernetzen.

Dass die Herausforderung im Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung darin besteht nicht nur Worte erklingen zu lassen, sondern konkrete Schritte zu setzen, wurde in den drei Tagen und auch bereits in der ersten Ausgabe im Vorjahr deutlich. Wer in der deutschen Filmbranche (und andernorts) finanzielle Förderungen bekommt, hängt von etablierten Systemen und deren Gatekeepern ab. Diese lagern ihre Verantwortung zur Schaffung von inklusiveren Strukturen häufig aus oder erkennen sie erst gar nicht. Eigentlich läge es in der Verantwortung jeder einzelnen Person, egal auf welcher Sprosse der hierarchischen Leiter sie positioniert ist, ihr Bewusstsein für ungleiche Verteilungen zu schärfen. Letztlich aber übernehmen die notwendige Sensibilisierungsarbeit meist selbst Personen, die mit Diskriminierungen konfrontiert sind. Ständige Aufklärungsarbeit ohne Entlohnung, Beratung mit mangelnder Anerkennung für die eigene Expertise, das Sprechen auf Veranstaltungen und Panels – viele der Teilnehmenden berichten verärgert und ermüdet, dass sie sich mit den Problematiken schon lange herumschlagen. Die meisten von ihnen sind Filmemacherinnen aber übernehmen, wie etwa Merle Grimme, Antidiskriminierungsarbeit und setzen sich aktivistisch ein, um ihrer eigentlichen Tätigkeit, dem Filmemachen, überhaupt nachgehen zu können. Es ist nicht nur ein Kampf um Teilhabe, sondern auch um die Sensibilisierung aller, die in den Prozess der Filmherstellung und -verbreitung involviert sind.

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Clashing differences

Fehlendes Bewusstsein – clashing consciousness

 

Regisseurin und Autorin Merle Grimme berichtet am ersten Abend, den ihr Film CLASHING DIFFERENCES (in der ZDF-Mediathek bis 5.10.2024 als Serie zu sehen) eröffnet – und der beim diesjährigen Filmfest München ausgezeichnet wurde –, dass sie für ihr Projekt selbst ein Herstellungskonzept für antidiskriminierendes und inklusives Produzieren entwickelte. Sie widmete sich einer Aufgabe, die eigentlich Sender und Produktion zufallen und vor allem auch im Budget mitgedacht werden sollte, genauso wie Security beim Drehen zur Verfügung gestellt werden sollte (ein Aspekt, den CLASHING DIFFERENCES direkt verhandelt). Denn einen Safe space kann eine Antidiskriminierungsbeauftragte nicht garantieren, sie agiert viel mehr präventiv und bereitet auf mögliche Fälle vor, so Grimme. Diesen Aspekten sind sich in der Branche wenige bewusst, die Aufmerksamkeit liegt woanders, fehlt. Auch nach der Herstellung von CLASHING DIFFERENCES erklangen bei der Filmemacherin erneut die Alarmglocken, denn die Vermarktung über den Social Media Kanal des ZDF fiel einer Agentur zu, die sich offensichtlich inhaltlich wenig mit Grimmes Film auseinandergesetzt hatte. Kurze, auf das Instagram-Format ausgerichtete Ausschnitte der Schauspielerinnen, die etwa eine Bespielung der Angry Black Woman Trope befeuerten, griffen nicht nur zu kurz, sondern lösten auch rassistische Kommentare aus, mit denen letztlich die Darstellerinnen wieder auf sich allein gestellt waren, so Grimme. Hier ist die Sensibilität aller Beteiligten gefordert. Doch auch diese fehlt meistens.

Was im letzten Jahr geschah: neue Stellen, neue Projekte, alte Kämpfe

 

Am zweiten Tag fanden sich Teilnehmer:innen zu einem „Was im letzten Jahr geschah“ (Details und alle Teilnehmer:innen hier) zusammen. „Ich bin geschehen!“, verkündete etwa Fatih Abay. Er fungiert seit 2022 als Diversity & Inclusion Officer in der European Film Academy, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1988 als Interessengemeinschaft versteht, jährlich Preise vergibt und der momentan Agnieszka Holland als Direktorin vorsteht. Abay erklärte, dass der Vorstand der European Film Academy bis vor kurzem mit Vertreter:innen westeuropäischer Länder doppelt besetzt wurde. Das wurde bzw. wird momentan geändert: Die Academy erweiterte ihr Board durch osteuropäische und indigene Perspektiven, etwa durch eine Vertretung der Sámi (Details zur Zusammensetzung der Boards finden sich hier). Benita Bailey und Sophia Frohberg berichteten, dass das bisherige Netzwerk Schwarze Filmschaffende nun als Verein eingetragen ist, was Handlungs- und Finanzierungsmöglichkeiten verbessert. Gespräche mit dem Berlinale-Team sind infolge ihrer Reaktion auf die Aufnahme der Anti-Schwarzen Filme Seneca, Der vermessene Mensch und Helt Super in das Programm der letzten Festivalausgabe in einem offenen Brief (hier aufrufbar) ongoing. Kein Zweifel: die Zusammensetzung von Selektionskommittees muss verstärkt überdacht werden. Seine Aufklärungsarbeit leistet das Netzwerk auf ehrenamtlicher Basis. Dass ab dieser Berlinale-Ausgabe die Perspektive Deutsches Kino gestrichen wurde, bedeute auch einen Einschnitt für die BIPoC-Community, denn für viele war die Sektion ein wichtiger Raum, um ihre Arbeiten zu präsentieren, so Bailey. Noch im Prozess befindet sich die Novellierung des Filmfördergesetzes, das 2025 für die darauffolgenden fünf Jahre verabschiedet wird (hier sind die Stellungnahmen der einzelnen Verbände abrufbar). Noch ist Zeit hier Einfluss zu nehmen.

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Duc-Thi Bui, Benita Bailey und Sophya Frohberg.
Foto: Bojan Ritan

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Das Publikum lauscht gespannt.
Foto: Bojan Ritan

Was ebenfalls geschah: Netflix und die MaLisa Stiftung schufen die Stelle einer Diversity & Inclusion Strategy Managers für deutsche Filmhochschulen, die Aida Begović und Lucca Veyhl seit Sommer und für die Laufzeit von (nur) zwei Jahren im Team besetzen. Als Externe agieren sie beratend, um die Teams der Hochschulen dabei zu begleiten selbst ihre Strukturen inklusiver und diverser zu gestalten. Dezentral und mit Fokus auf individuell gewählte Themen und Problematiken (im Rahmen des Filmschoolfest veranstaltete das Filmfest München bereits das Panel „Sustainable Access and Diversity at Film Schools“ ) werden Ziele in Angriff genommen. Was noch fehle sei aber die Prozesse transparent zu machen, etwa in Form eines öffentlichen Reports, der nicht nur für mehr Sichtbarkeit sorgen, sondern es auch anderen Institutionen und Filmhochschulen ermöglichen würde, an den Prozessen von außen teilzuhaben, mitzulernen. Denn viele Dinge passieren im Verborgenen oder werden lieber im Verborgenen gehalten, was das fehlende Einhalten oder Erreichen von gesteckten Zielen leichter macht, so Begović und Veyhl.

Duc Thi-Bui und Duc Ngo Ngoc widmeten sich in ihrem Projekt sozusagen dem Schritt vor der Hochschule. Mit „Dreh’s Um“ organisierten die beiden Filmemacher Filmworkshops für Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren mit dem Ziel „die eigenen, wertvollen Geschichten der vietdeutschen Community selbst zu vertreten und den Filmnachwuchs in Deutschland nachhaltig zu fördern, um so eine diverse Teilhabe an Filmhochschulen und in der Branche langfristig zu stärken“ (Details hier). Auch berichteten sie von ihrer abgedrehten ARD-Serie, für die sie erfolgreich durchsetzen konnten, dass ein großer Teil nicht in deutscher Sprache, sondern in Vietnamesisch, Wolof und Türkisch gedreht wurde (ab Frühjahr auf ARD zu sehen). Schauspielerin und Filmemacherin Benita Bailey wiederum präsentierte ihr serielles YouTube-Gesprächsformat, mit dem sie einen Blick auf das Schaffen Schwarzer Künstler:innen wirft (z.B. TRANSATLANTIC-Drehbuchautorin Tunda Aladese).

Sichtbarkeit nicht nur im Sinne von Repräsentation auf der Leinwand und dem Bildschirm, sondern auch durch konkrete Zahlen greifbar zu machen, ist ebenso wichtig, wenn es um den Kampf um eine gerechtere Verteilung geht, wie etwa der positive Einfluss von Stacy L. Smiths Analysen auf die Industrie zeigt. Ein Schwerpunkt der Tagung lag dementsprechend auch auf „Data Diversity“, in dem Vortragende Statistische Erhebungen, Künstliche Intelligenz, Image Captions also auch die Codierung von Video Games, thematisierten, in denen Personengruppen stereotyp dargestellt werden (das „Loop Labor“ etwa widmete sich in einem Projekt der Neu-Codierung des Spiels GTA V). Ebenso präsentiert wurde (von Filmlöwin Inga Becker) das neue Datenerhebungstool OMNI (Omni Inclusion Data), das zukünftig deutschlandweit Daten von Cast und Crew erheben soll, sobald diese in ein Projekt einsteigen. Damit soll ein laufender Überblick über die Besetzung von Positionen erreicht werden. Denn Zahlen schaffen ein Druckmittel gegenüber politischen Entscheidungträger*innen.

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Die Teilnehmenden an der Tagung.
Foto: Bojan Ritan

Gesucht: Eigenverantwortung und Allyship

 

Nicht alle Initiativen und Projekte, die in drei Tagen in der Evangelischen Gemeinde Tutzing Teil des Programms als auch in Pausengesprächen aufkamen, finden sich in diesem Artikel wieder. Dinge geschehen, verändern sich, aber vieles bleibt beim Alten und der Kampf gegen starre Strukturen befindet sich in einem stetigen Prozess. Das Filmfest setzt ein Zeichen, indem es mit “Teilhabe im Film” eine mehrtägige Veranstaltung organisiert anstatt nur ein repräsentatives Diversitäts-Panel während seiner Festivalausgabe vorzuzeigen. Dennoch: Frustrierend nach der Teilnahme an einer Tagung, die viele Aktivist:innen zusammenbringt, ist stets die Tatsache, dass die meisten Personen in Gatekeeping-Positionen, deren Sensibilisierung noch bevorsteht (um es positiv zu formulieren), nicht anwesend waren, um schlichtweg zuzuhören. Ein Appell an die Eigenverantwortung, sich weiterzubilden prallt wohl leider an vielen ab, wenn es um die Themen Inklusion und Teilhabe geht. Und diejenigen, die bereits aufmerksam sind, sollten es auch bleiben. Denn letztlich unterstützen wir alle, das System, in dem wir leben und arbeiten, solange wir es nicht kritisieren und herausfordern. Mitnehmen aus der Tagung können wir den Aufruf sich zu solidarisieren, zuzuhören, sich weiterzubilden – denn die Möglichkeiten dazu sind heute einfacher denn je. Hiermit auch meine Aufforderung an die Leser:innen weiterzurecherchieren, die verlinkten Artikel aufrufen, sich mit den Initiativen auseinanderzusetzen, von ihnen weiterzuerzählen, sie auf Social Media zu teilen, gemeinsam Lobbying-Arbeit zu betreiben. Wie die nächste Ausgabe der Tagung gestaltet wird, wer dabei miteinbezogen wird, ob sie ein ThinkTank und/oder das konkrete Pitchen von Projekten beinhalten wird, all das wird sich hoffentlich 2024 weisen. Auch ein Augenmerk auf die Distribution und filmjournalistische Berichterstattung zu legen, würde sich lohnen, denn auch dies sind wichtige Aspekte in Bezug auf Sichtbarkeit und Teilhabe innerhalb der Filmlandschaft – so basiert auch bei Filmlöwin die Arbeit auf ehrenamtlicher Basis.

 

Dieser Beitrag ist ursprünglich (am 8. Dezember 2023) bei Filmlöwin erschienen. Sie finden ihn hier.

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